?Unbequeme? sozialgeographische Fragen zur Wechselwirkung von Technologieentwicklung und Gesellschaft fokussieren

Publikationsdatum: 28.11.18 15:14    Letzte Aktualisierung: 07.12.18 08:41

Ein Gespräch mit Julia Thelen, Wissenschaftlerin und Projektkoordinatorin in der EA European Academy

EA-Wissenschaftlerin Julia Thelen spricht über ihre Tätigkeit als Koordinatorin des Projektes ‚Digitale Arbeitswelten in Forschung und Entwicklung. Neue Möglichkeiten und Herausforderungen für die Wissenschaft‘ (DiA) und als Wissenschaftlerin in den Projekten ‚Industrie 4.0 in Mittel-, Süd- und Osteuropa aus Perspektive der Technikfolgenabschätzung und des Vision Assessment‘ (IND_4.0) und ‚Analysen von Mehrebenen-Gestaltungsprozessen für zukünftige Energiesysteme als Grundlage für zukunftsfähige Innovationen im Energiebereich‘ (ZIE). Die Geographie-Masterabsolventin, die schon als Bachelorstudentin in der EA European Academy mitarbeitete, berichtet über die Herausforderung in den unterschiedlichen Projekten, ihre Forschungsinteressen und mögliche zukünftige Schwerpunkte.

Woher kam Ihr Interesse am Bereich Technikfolgenabschätzung und wie kamen Sie zur EA European Academy Bad Neuenahr-Ahrweiler?

Mein Bachelorstudium in Geographie habe ich in Tübingen absolviert, wo ich neben den Grundlagenfächern der Geographie auch Veranstaltungen anderer Fachrichtungen besucht habe. Ziemlich zu Beginn meines Studiums entschied ich mich für die Veranstaltung „Einführung in die Technikfolgenabschätzung“ der Geowissenschaften. Thematisch konnte ich mir damals zwar noch wenig unter TA vorstellen, mein Interesse war aber gleich geweckt. In diesem Rahmen wurde auch die EA European Academy in Bad Neuenahr-Ahrweiler als Institution in Deutschland genannt, die TA als Forschungsmethode für ein breit gefächertes Anwendungsfeld nutzt. Nach der Vorlesung wollte ich mich mehr mit dem Thema befassen und da ich ursprünglich aus dem Kreis Ahrweiler stamme und mittelfristig wieder dorthin zurückkehren wollte, schrieb ich damals eine E-Mail an Herrn Dr. Bert Droste-Franke, den Leiter des Departments „Energie“, und fragte, ob ich ihm meine Bewerbung für ein Praktikum an der EA zukommen lassen dürfe. Auf die Zusage folgte ein vierwöchiges Praktikum und da der beiderseitige Wunsch nach weiterer Zusammenarbeit bestand, arbeitete ich anschließend bis zur Beendigung meines Masterstudiums in Bonn an der EA als wissenschaftliche Hilfskraft in den Projekten „Sichere Energieversorgung – neue Herausforderungen an die Analyse zukünftiger Energiesysteme zur Politikberatung“ (SIE), ZIE, InnoSEn und IND_4.0. Seit Januar 2018 arbeite ich nun als Wissenschaftlerin und Projektkoordinatorin im Projekt DiA und als Wissenschaftlerin in den Projekten IND_4.0 und ZIE.

Sie leiten das Projekt DiA zusammen mit Dr. Stephan Lingner. Was sind Ihre Arbeiten im Projekt?

Meine Aufgaben sind zum einen organisatorischer Natur. Ich bereite Arbeitstreffen vor, erstelle die entsprechenden Tagesordnungen, lade die Projektmitglieder dazu ein und bin für diese die erste Ansprechpartnerin bei Fragen rund um das Projekt. Des Weiteren habe ich den Zeithorizont des Projekts zusammen mit Herrn Dr. Lingner im Hinterkopf und greife, wenn nötig ein, um den Erfolg des Projekts zu gewährleisten. Neben meinen organisatorischen Aufgaben werde ich im kommenden Jahr aber auch einen fachlichen Input aus (sozial-) geographischer Perspektive zum Projekt beitragen.

Sie arbeiten zugleich auch im Projekt IND_4.0. Können Sie dieses Projekt und Ihre Aufgaben hier kurz vorstellen?

Das Projekt IND_4.0 diente hauptsächlich dem Zweck, mit den osteuropäischen Partnern gemeinsam einen EU-Projektantrag zu verfassen und einzureichen. Dazu wird aber zusätzlich noch eine gemeinsame Publikation in Form von Länderreports zum Stand von Industrie 4.0 in den jeweiligen Ländern Anfang 2019 im Rahmen der Abhandlungen der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften erscheinen. Für diese und als Vorbereitung für den Projektantrag habe ich bereits 2015 eine Review zum Verständnis und Stand von Industrie 4.0 in Deutschland verfasst, welche zusammen mit dem von Herrn Professor Dr. Gerhard Banse und mir in diesem Jahr erstellten Länderreport zu Deutschland in der Publikation erscheinen wird. Meine Ergebnisse konnte ich außerdem zusammen mit Herrn Professor Dr. Banse im Juni dieses Jahres auf dem Workshop „Industry 4.0 – challenges, hopes and fears“ an der Jagiellonen-Universität Krakau im Rahmen eines Vortrags vor einem internationalen Expertenkreis vorstellen und diskutieren. Neben ähnlichen organisatorischen Aufgaben wie in DiA werde ich im November an einem letzten Arbeitstreffen im Rahmen von IND_4.0 in Berlin teilnehmen, um gemeinsam mit einem Teil der Autoren ein vergleichendes Kapitel der einzelnen Länderreports zu verfassen.

Wo liegen Schwerpunkte Ihrer zukünftigen Forschungsinteressen? Was ist Ihnen hier besonders wichtig?

Ich möchte mich gerne auch weiterhin mit den Auswirkungen neuer Technologien auf die Gesellschaft beschäftigen. Die Themenfelder Industrie 4.0 und KI werden sich für die Gesellschaft zu Meilensteinen im menschlichen Zusammenleben entwickeln, deren weitreichende direkte und indirekte Folgen neben den technologischen und wirtschaftlichen derzeit kaum abschätzbar sind und wenig Beachtung in Politik, Wirtschaft und Forschung finden. Diesen „unbequemen“ Fragen gilt es sich zu stellen und mögliche Handlungsspielräume zu analysieren und zu bewerten. Gerade (sozial-) geographische Fragestellungen zu den Wechselwirkungen zwischen diesen Technologieentwicklungen und gesellschaftlichen Herausforderungen wie dem demographischen Wandel und der zunehmenden „Akademisierung“ der Gesellschaft sind für mich von besonderem Forschungsinteresse. Hierbei möchte ich auch in Zukunft gerne meine fachliche Perspektive zu den interdisziplinären Fragestellungen beitragen.

Was für unbequeme sozialgeographische Fragen möchten Sie konkret gerne bearbeiten?

In Deutschland wird es durch die fortschreitende Digitalisierung, den Einsatz von Industrie 4.0-Strategien und Künstlicher Intelligenz zu einer Polarisierung der Arbeitswelt kommen. Lebenslanges Lernen wird unabdingbar. Sind diese Entwicklungen vereinbar mit dem demographischen Wandel und dem zunehmenden Fachkräftemangel in Deutschland? Ist das Sozialsystem in Deutschland den Anforderungen dieser Technologie induzierten Herausforderungen gewachsen? Ist das immer mehr geforderte bedingungslose Grundeinkommen vielleicht die Lösung für die zunehmende Spaltung der Gesellschaft? Wer fordert das BGE mit welchen Interessen? Welche Lösungsansätze verfolgen die derzeitigen politischen Strategien beziehungsweise gibt es überhaupt konkrete Lösungsansätze? Wie sind Innovationszentren zu Digitalisierung, Industrie 4.0 und KI in Deutschland räumlich verteilt und wie können strukturschwache Regionen gezielt gefördert werden? Diesen und weiteren Fragen möchte ich mich im Rahmen des Projektes DiA und darüber hinaus widmen und die politischen wie wissenschaftlichen Diskurse untersuchen und Lücken im Diskurs aufzeigen.

Frau Thelen, herzlichen Dank für das Gespräch!

Zu den Werkstattgesprächen auf der Website der EA European Academy

geschrieben von Ansgar Skoda | 119 Aufrufe, 0 Kommentare arbeitswelten innovationsforschung zukunftsforschung interview
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