Mit Forschung die Zukunft der Energiewende gestalten

Publikationsdatum: 23.11.18 10:51    Letzte Aktualisierung: 23.11.18 10:51

Ein Gespräch mit Dr. André Schaffrin, Leiter des Forschungsprojektes EnAHRgie an der EA European Academy

Dr. André Schaffrin, Wissenschaftler an der EA European Academy, koordiniert im transdisziplinären BMBF-Forschungsprojekt EnAHRgie zahlreiche Verbund- und Praxispartner und WissenschaftlerInnen unterschiedlicher Fachdisziplinen, um verschiedene Möglichkeiten und Maßnahmen für die Umsetzung einer regionalen Energiewende zu erarbeiten. Im Gespräch berichtet er unter anderem über Herausforderungen der Teamkoordination, Besonderheiten des untersuchten Landkreises und seine Interessens- und Forschungsschwerpunkte.

Sie arbeiten im Forschungsprojekt EnAHRgie mit etwa 50 KollegInnen und Kooperationspartnern zusammen. Was kann man sich unter dem Forschungsprojekt vorstellen?

Wir entwickeln und schreiben hier für den Landkreis Ahrweiler als Modellregion ein Energiekonzept. In Ahrweiler kommen viele Herausforderungen wie starke Landnutzungskonkurrenzen zwischen Umwelt- und Naturschutz, Gewerbeansiedlungen, Freizeitgestaltung, Siedlungsflächen und Ähnliches für die Energiewende zusammen. Es ist zum Beispiel nicht leicht, die Ressourcen zusammenzubringen und die Flächen, die man braucht, um eine Biogasanlage zu bestücken. In Ostdeutschland hat man etwa einen großen Betrieb, der aus ehemaligen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften hervorgegangen ist, und der stemmt das ganz alleine. Hier im Landkreis Ahrweiler gibt es überwiegend kleine Parzellenlandwirte. Das Ganze ist sehr umfassend. Es geht nicht bloß um erneuerbare Energien, sondern auch um Effizienz und Energieeinsparungen, um Netze und Speicher, um Strom und Wärme. Alles, was wir im Landkreis lernen, diskutieren wir jetzt auch mit anderen Landkreisen. Das durch Bundesmittel finanzierte Forschungsprojekt soll Ergebnisse produzieren, die bundesweit einsetzbar sind. Die Besonderheit des Projektes ist seine Innovationsgruppe, also ein Team aus WissenschaftlerInnen und lokalen Praxispartnern, die gemeinschaftlich das Energiekonzept für Ahrweiler ausarbeiten. Und wir wollen gerade im Landkreis Ahrweiler den Übergang in die Umsetzung des Energiekonzepts gewährleisten. Die Bürgerinnen und Bürger vor Ort sollen genug Kenntnisse haben und motiviert werden.

Was sind die wichtigsten Fragestellungen von EnAHRgie? Welche Erkenntnisse sind für die Gesellschaft besonders relevant?

Eine der größten Herausforderungen betrifft die Unsicherheit von Unternehmen, Kommunen und Privathaushalten, was die Bezahlbarkeit und die Rentabilität von erneuerbaren Energien angeht. Aufgrund des sich in den letzten Jahren mehrfach angepassten Förderrahmens und der zunehmenden Vielfalt an Fördermöglichkeiten bei gleichzeitiger technologischer Entwicklung hin zu smarten Anwendungen, fühlen sich viele Akteure schlecht beraten und verunsichert. Hier Klarheit und Übersicht zu schaffen und neue Geschäftsmodelle aufzuzeigen, wäre eine zentrale Lösungsstrategie. Energieversorger wie die Stadtwerke können sich diesbezüglich ein gewisses Betätigungsfeld erschließen. Wir schauen zum Beispiel im Projekt, wie Haushalte und Unternehmen ihre Entscheidungen treffen. Wir setzen uns mit den Möglichkeiten der Förderbedingungen auseinander. Dann ist da die Agency-Frage – welche Akteure müssen tatsächlich vermitteln? Welche Rollen werden übernommen und welche Rollen ändern sich auch? Früher haben die Stadtwerke Strom eingekauft und wieder verkauft. Heute produzieren die Stadtwerke nicht nur selbst, sondern verwalten und monitoren auch. Sie sind Stromerzeuger direkt vor Ort und Dienstleistungsanbieter für Einzelhaushalte und Unternehmen. Hier finden wir Wege, wie wir wissenschaftlich beraten und unterstützen können.

Das Verhältnis von Akzeptanz, Einbindung und Koordination ist ein weiteres Feld. Heutzutage ist es so, dass, gerade was raumwirksame Anlagen angeht, die Flächen einfach knapp sind. Ein Umweltverein oder Naturschutzverband setzt sich vehement dafür ein, dass es auf wertvollen Waldflächen nur geringfügige menschliche Einflüsse geben darf, und sei es auch nur durch die erneuerbaren Technologien, die „sauberen“ Strom erzeugen. Bei diesen knappen Flächen ist es wichtig darauf zu achten, dass erneuerbare Energien, selbst wesentlich weniger umweltschädlich sind beziehungsweise geringere Risiken aufweisen als Atomkraftwerke oder Kohlekraftwerke, gegen Natur- und Umweltschutz ausgespielt werden. Hier eine nachhaltige  Abstimmung zwischen den unterschiedlichen Interessen zu bekommen und auszuloten, wo trotzdem noch raumwirksame Anlagen realisiert werden können und wie man die Leute mitnehmen und einen Ausgleich schaffen kann, ist das zweite große Thema. Das beinhaltet auch die Kooperationen. Wer muss mit wem kooperieren, damit Synergien und neue Ideen entstehen? Das betrifft das Themenfeld der Vernetzungskooperationen und der Vernetzungsgeschichte.

Das Forschungsprojekt EnAHRgie läuft noch bis August 2019. Ein umfangreiches Energiekonzept wurde bereits veröffentlicht. Wo liegen Schwerpunkte Ihrer zukünftigen Forschungsinteressen?

Im Kern interessiere ich mich für den gesellschaftlichen Prozess der Energiewende. Es begeistert mich, gesellschaftliche Voraussetzungen zu analysieren und unterschiedliche Wege aufzuzeigen, wie unter den unterschiedlichsten Bedingungen lokale Innovationen in Gang kommen können, die dann zu einer Umsetzung von konkreten Projekten führen. Es interessiert mich auch zu untersuchen, wie man Privathaushalte mehr für den Einsatz von erneuerbaren Energien motivieren kann. Wo gibt es hier Hemmnisse, vor allem auch was Gerechtigkeitsfragen angeht? Wer profitiert von der Energiewende? Wer kann tatsächlich mitmachen? Wer ist außen vor? Das sind Fragen der Exklusion und Inklusion in Bezug auf sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen. Das Mieterstrommodell sagt etwa, dass nicht bloß Hauseigentümer investieren können, sondern auch Mieter, die kein Eigentum und keine Dachflächen aus eigenem Besitz zur Verfügung stellen können. Auch Genossenschaftsmodelle stehen dafür, dass erneuerbare Energien keine Luxusangelegenheit mehr sind.

Zum Energiekonzept des Forschungsprojektes EnAHRgie.

Zum umfangreicheren Gespräch auf der Website der EA European Academy GmbH.

geschrieben von Ansgar Skoda | 107 Aufrufe, 0 Kommentare energieeffizienz energiewende nachhaltigkeit interview
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