Privatheit, Plattformen, und das Recht auf Stadt

Publikationsdatum: 25.11.19 15:37    Letzte Aktualisierung: 25.11.19 16:01

Editorial zum openTA-Neuerscheinungsdienst (NED) „Über den TAellerrand“ Oktober 2019

Buchcover Privatheit und selbstbestimmtes Leben in der digitalen WeltIn diesem Monat erschien ein Sammelband, herausgegeben von Dr. Michael Friedewald, einem NTA-Mitglied, über Herausforderungen an die Privatsphäre, einem zentralen Thema der TA und einem dringenden globalen Anliegen. Dr. Michael Friedewald ist Leiter des Geschäftsfelds Informations- und Kommunikationstechniken am Frauenhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe. Der Sammelband bietet einen umfassenden Überblick über wichtige Aspekte im Diskurs über die Privatsphäre in vier Abschnitten (Inhaltsverzeichnis). Im ersten Abschnitt diskutiert Thilo Hagendorff verschiedene Definitionen der Privatsphäre und lenkt dabei die Aufmerksamkeit auf die negativen Auswirkungen, die mit zu viel Privatsphäre einhergehen. Die digitale Bedrohung der Privatsphäre wird im Beitrag von Carsten Ochs, Barbara Büttner und Enrico Hörster im Vergleich zwischen digitalen und analogen Aspekten beschrieben. Danach folgt ein Schwerpunkt auf Regulierung und Normen, in dem Tamer Bile, Christian Geminn, Olga Grigorjew, Charlotte Husemann, Maxi Nebel und Alexander Roßnagel diskutieren, wie effektive Formen der Regulierung  beschaffen sein könnten, um selbstbestimmte Privatsphäre auf internationaler Ebene zu verwirklichen. Murat Karabonga vervollständigt diesen Abschnitt mit einem empirischen Abriss über die Datenschutzpolitik zwischen 1990 und 2017 in der EU. Die weiteren Beiträge beschäftigen sich mit Privatsphäre in der Ökonomie und in der Kommunikation. Tina Marlok, Christian Matt und Thomass Hess bieten in ihrem Kapitel einen Literaturüberblick über Definitionen von Privatsphäre in den Wirtschaftswissenschaften und setzen fort mit einer Bestimmung der Wertschöpfungsstrukturen in Datenmärkten. Die Rolle von Privatsphäre in der Kommunikation wird im Kapitel von Max Braun, Thilo von Pape, Doris Teutsch, Lara Wolfers and Sabine Trepte problematisiert. Die AutorInnen diskutieren die Entwicklung der Beziehungen zwischen interpersonaler Kommunikation und Privatsphäre unter sich verändernden technologischen Bedingungen am Beispiel des individuellen Privatheitsverhaltens im Kontext von Suchmaschinen und sozialen Netzwerkseiten. Das Buch schließt mit einem Beitrag von Kevin Kelpen and Hervais Simo, die auf Privatheitsaspekte in DNS, dem sogenannten “Adressbuch des Internets” fokussieren; sie beschreiben Gefahren für den Endverbraucher und analysieren einige bestehende Gegenmaßnahmen.

Beim zweiten Band handelt es sich um die deutsche Übersetzung des Buches von Dr. Andrew McAfee, Forschungsdirektor der MIT Initiative on the Digital Economy, und Professor Erik Brynjolfsson, Direktor der MIT Initiative on the Digital Economy, MIT Sloan School of Management. Das Buch Machine, Platform, Crowd: Wie wir das Beste aus unserer digitalen Zukunft machen enthält eine sachkundige Darstellung des Innovationsfortschritts in spezifischen Produktbereichen aus einer betriebswirtschaftlichen Perspektive (Inhaltsverzeichnis). Das Buch hebt drei innovative Bereiche digitaler Technologien hervor, in denen es um die Wechselwirkung auf der individuellen Ebene (Maschinen), in Konsumentenmärkten und Betriebshierarchien (Plattformen) und um Veränderungen im Konzept der Firma (Crowd) geht. Digitale Maschinen wie selbstfahrende Autos werden anhand ihrer angekündigten disruptiven Effekte in Hinblick auf die alltägliche Praxis und das generelle Auswahlverhalten beschrieben. Wichtige Veränderungen in Konsumentenmärkten und Betriebshierarchien werden anhand von Plattforminnovationen beleuchtet, die die Zahl von Transkationsmöglichkeiten dramatisch um Größenordnungen erhöhen. Viele Projekte wurden über Crowds finanziert, was zu breiteren Formen der Mitteleinwerbung geführt hat. Natürlich werden im Buch Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen hochdynamischen Feldern hergestellt, und einige könnten sich auf längere Sicht als weniger transformativ erweisen als sie heute erscheinen oder überhaupt ihren Charakter verändern. Dennoch ist dieser Beitrag eine nützliche Lektüre, die spezifische Produkte mit wichtigen Veränderungen im Geschäftsleben, im Konsum und in der Produktion verbindet; besonders praktisch wenn es darum geht, Fallbeispiele für die Technologie- und Innovationslehre zu suchen.

Die abschließende Perspektive auf den sozialen und technischen Wandel wird vom Geografen Dr. Andreas Sonntag eröffnet, der das Buch Hamburg - HafenCity und das Recht auf Stadt: Urbanität unter dem Ein-Druck von technischer und sozialer Beschleunigung – Plädoyer für eine neue Idee von Nachhaltigkeit (Inhaltsverzeichnis) publiziert hat, basierend auf seiner Dissertation am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Kassel. Städte können eine sehr fruchtbare Ebene für die Untersuchung der vielfältigen Verwobenheiten von Technologie und sozialem Wandel darstellen, weil sie sowohl Kontext als auch praktikable Optionen für Governance bieten. In Deutschland leben rund zwei Drittel der Bevölkerung im urbanen Raum und noch mehr haben hier ihre Arbeitsplätze. In seinem Buch fokussiert Sonntag darauf, wer die Macht über das hat, was in Städten geschieht, indem er die Frage stellt, wem das Recht an eben jenem intensiv genutzten Raum gebührt und welchen Planungs- und Entwicklungsparadigmen dieser unterliegt. Nach einer Differenzierung zwischen urbanem und ruralem Raum folgt eine Herausarbeitung des „Recht[s] auf Stadt“, gefolgt von Forderungen nach einem „Recht auf Zentralität“, einem „Recht auf Differenz“, einem „Recht auf Mediation“ und einem „Recht auf Freiheit“. Es folgt ein konzeptueller Rahmen für die technische und soziale Beschleunigung sowie eine Diskussion der Auswirkungen auf den urbanen Raum und ihre Zusammenhänge mit dem „Recht auf Stadt“. Diese Konzepte werden auf die Analyse urbaner Veränderungen in der HafenCity Hamburg angewandt und sollen die Diskussion über eine nachhaltige Entwicklung verbreitern.

Für die Oktobergabe des NED wurden aus 241 automatisch selektierten Buchtiteln aus dem Datenbestand der Deutschen Nationalbibliothek insgesamt 21 Buchttitel ausgewählt. Darunter fand sich wie beschrieben ein Sammelband des NTA-Mitglieds Dr. Michael Friedewald. Ebenfalls enthalten in diesem Monat ist das Buch Zahnärzte und Zahnheilkunde im “Dritten Reich” von NTA-Mitglied und Professor Dr. med. Dr. med. dent. Dr. phil Dominik Groß vom Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Uniklinik an der RWTH Aachen.

Die bibliographischen Angaben der 21 Titel sind im Folgenden aufgeführt:

Bischoff, Kathrin (2019), Stakeholder support and collaboration in entrepreneurial ecosystems. An analysis of the roles of sustainability, education and culture, Siegburg: Eul Verlag. ISBN: 978-3-8441-0575-9, http://d-nb.info/1190849496.


Bleyer, Bernhard (2019), Pragmatische Urteile in der unmittelbaren Patientenversorgung. Moraltheorie an den Anfängen Klinischer Ethikberatung, Berlin: Springer. DOI: 10.1007/978-3-662-58672-3. ISBN: 978-3-662-58672-3, http://d-nb.info/1173814132.


Bruhn, Jürgen (2019), KI - schlägt die Maschine den Menschen?, [1. Auflage], Baden-Baden: Tectum Verlag. ISBN: 978-3-8288-4220-5, http://d-nb.info/1172917531.


Dockweiler, Christoph/Fischer, Florian (Hg.) (2019), ePublic health. Einführung in ein neues Forschungs- und Anwendungsfeld, 1. Auflage, Bern: Hogrefe. ISBN: 9783456858463. DOI: 10.1024/85846-000, http://d-nb.info/1162146664.


Dohmen, Andreas (2019), Wie digital wollen wir leben? Die wichtigste Entscheidung für unsere Zukunft, Ostfildern: Patmos Verlag. ISBN: 978-3-8436-1151-0, http://d-nb.info/1185518819.


Friedewald, Michael (Hg.) (2018), Privatheit und selbstbestimmtes Leben in der digitalen Welt. Interdisziplinäre Perspektiven auf aktuelle Herausforderungen des Datenschutzes, Wiesbaden, Germany: Springer Vieweg. ISBN: 978-3-658-21384-8. DOI: 10.1007/978-3-658-21384-8, http://d-nb.info/1153841169.


Gøtzsche, Peter C. (2019), Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität. Wie die Pharmaindustrie das Gesundheitswesen korrumpiert, 1. Auflage, München: riva. ISBN: 978-3-7423-1161-0, http://d-nb.info/118616431X.


Groß, Dominik (Hg.) (2018), Zahnärzte und Zahnheilkunde im "Dritten Reich". Eine Bestandsaufnahme, Münster: LIT. ISBN: 978-3-643-13914-6, http://d-nb.info/1150808020.


Knoll, Matthias (2019), Praxisorientiertes IT-Risikomanagement. Konzeption, Implementierung und Überprüfung, 2., überarbeitete und erweiterte Auflage, Heidelberg: dpunkt.verlag. ISBN: 978-3-86490-655-8, http://d-nb.info/1172537763.


Langhof, Holger (2018), Ethik und Regulierung medizinischer Forschung in der Praxis. Ansätze für die Entwicklung evidenzbasierter und praxisorientierter Policies, Hannover, http://d-nb.info/1192852796.


McAfee, Andrew (2018), Machine, Platform, Crowd. Wie wir das Beste aus unserer digitalen Zukunft machen, [1. Auflage], Kulmbach: Plassen Verlag. ISBN: 978-3-86470-563-2, http://d-nb.info/1143978935.


Müller-Mielitz, Stefan (Hg.) (2019), E-Health: E-Gesundheit und E-Daten, 2. Auflage durchgesehen, aktualisiert und ergänzt, Ibbenbüren: Verlag Gesundheit & Technik. ISBN: 978-3-947479-03-0, http://d-nb.info/1191921034.


Nanz, Patrizia (2019), No representation without consultation. A citizens' guide to participatory democracy, Toronto: Between the Lines. ISBN: 978-1-77113-407-1, http://d-nb.info/1195563639.


Otto, Kim/Köhler, Andreas (Hg.) (2018), Trust in media and journalism. Empirical perspectives on ethics, norms, impacts and populism in Europe, Wiesbaden: Springer VS. ISBN: 978-3-658-20765-6. DOI: 10.1007/978-3-658-20765-6, http://d-nb.info/1148676384.


Rasborg, Klaus (2019), Ulrich Beck. En kritisk indføring i teorien om verdensrisikosamfundet, 1. udgave, 1. oplag, København: Hans Reitzels Forlag. ISBN: 978-87-412-6328-1, http://d-nb.info/1180782364.


Risk Management Association e.V. (2019), Digitale Risiken und Werte auf dem Prüfstand, Berlin: Erich Schmidt Verlag. ISBN: 978-3-503-18856-7, http://d-nb.info/1191393690.


Salvesen, Christian (2019), GENveränderte Nahrungsmittel. Risiken für unsere Gesundheit und Umwelt, 1. Auflage, Bielefeld: Kamphausen Media GmbH. ISBN: 978-3-95883-401-9, http://d-nb.info/1183945450.


Sonntag, Andreas (2018), Hamburg - HafenCity und das Recht auf Stadt. Urbanität unter dem Ein-Druck von technischer und sozialer Beschleunigung - Plädoyer für eine neue Idee von "Nachhaltigkeit", Kassel: kassel university press. ISBN: 978-3-7376-0546-5, http://d-nb.info/1168541700.


Stadelmann-Steffen, Isabelle (2018), Akzeptanz erneuerbarer Energie, Erste Auflage, Dübendorf: EAWAG. ISBN: 978-3-03825-010-4, http://d-nb.info/1192918827.


Vogt, Markus (2019), Ethik des Wissens. Freiheit und Verantwortung der Wissenschaft in Zeiten des Klimawandels, München: oekom verlag. ISBN: 978-3-96238-163-9, http://d-nb.info/1194488307.


Weber, Max (2019), Politik als Beruf, Hamburg: Nikol Verlag. ISBN: 978-3-86820-504-6, http://d-nb.info/1170498426.

geschrieben von Tanja Sinozic | 217 Aufrufe, 0 Kommentare nachhaltigkeit stadtforschung stadtpolitik privatheit plattform crowd maschinen
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