Tracking bei der Partnerwahl, Technikethik für KI und viel Wandel

Publikationsdatum: 20.01.20 00:02    Letzte Aktualisierung: 20.01.20 00:02

Editorial zum openTA-Neuerscheinungsdienst (NED) „ÜberdenTAellerrand“ Dezember 2019

2019 war das Wissenschaftsjahr zum Thema Künstliche Intelligenz. KI löste als Buzzword einen wahren Hype aus, obwohl es keine allgemeingültigen Definitionen für den Begriff gibt. Prominente Theoretiker*innen – wie etwa Siri Hustvedt – widersprechen so vehement der Idee, dass technische Entwicklungen maschinell einen Geist erzeugen können. Die US-amerikanische Schriftstellerin behauptet in The Delusions of Certainty (2017), dass das kognitive Theoriemodell des Geistes als Rechenmaschine nicht stimme. Denken schließt ihr zufolge auch Fühlen, Symbole und Bewegung ein. Es würde mich also nicht wundern, wenn der Begriff „künstliche Intelligenz“ auch bei den Vorschlägen für das Unwort des Jahres 2019 gewesen sein sollte.

Das Wissenschaftsjahr 2020 wird sich nun dem Verstehen von Bioökonomie widmen. Nachhaltiges, biobasiertes und postfossiles Wirtschaften dürfte in der gesellschaftlichen Diskussion vielleicht weniger Kontroversen auslösen, als dies bei dem Verständnis für KI der Fall war.

Der Dezember 2019 war ein eher unergiebiger Monat, was die TA-relevante Neuerscheinungen in der Deutschen Nationalbiografie anbelangt. Gerade einmal 11 Titel  habe ich aus einer Gesamtheit von 116 Publikationen für den Neuerscheinungsdienst (NED) ausgewählt.

Hierzu zählen fünf wissenschaftliche Publikationen, die gesellschaftliche Veränderungsprozesse wie medientechnische Entwicklungen, eine mögliche Stärkung der MINT-Fächer oder der Demokratie beziehungsweise eine Regulierung des Liberalismus beleuchten. Im hier vorliegenden Editorial stelle ich diese fünf Titel kurz vor, da sie mir für die TA-Community im Rahmen der Auswertung besonders interessant erscheinen:

Die Linguistin Dr. Regina Graßmann veröffentlichte den Band Die Schreibübung in den Natur- und Ingenieurwissenschaften (Inhaltsverzeichnis) in der von Prof. Dr. Jürgen Krahl und Prof. Dr. Josef Löffl an der Hochschule Coburg herausgegebenen interdisziplinären Forschungsreihe Zwischen den Welten. Der Sammelband diskutiert Lösungsansätze, Strategien, Ideen und Anregungen für die Förderung schriftsprachlicher Kompetenzen in den sogenannten MINT-Fächern. Lehrmodelle und methodische Ansätze geben Einblick, wie das fachgerechtere und verständlichere Aufbereiten von Forschungsberichten und Studienergebnissen in den natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fächern gefördert werden können. Einzelne Aufsätze behandeln so eine Spiele-App zum Fach Chemie, das dialogische Prinzip in naturwissenschaftlichen Seminaren oder ein Blended Learning-Konzept für Ingenieur*innen. Die Beiträge, Anwendungstipps und beispielhaften Übungen stammen von Autor*innen eines interdisziplinären Arbeitskreises zu „Schreiben in Natur- und Ingenieurwissenschaften“.

Soziale und digitale Medien gehören für viele Menschen zum Alltag. Im Rahmen digitaler Kommunikation werden auch neue Artikulationsräume und Selbstbilder geformt. Der Band Self-Tracking, Selfies, Tinder und Co. Konstellationen von Körper, Medien und Selbst in der Gegenwart (Inhaltsverzeichnis), herausgegeben von Dr. Daniel Rode und Prof. Dr. Martin Stern von der Philipps-Universität Marburg, beschäftigt sich mit Dynamiken zeitgenössischer Medienpraktiken wie der bildlichen Selfie-Inszenierung mit dem Smartphone. Ein Aufsatz von Sascha Oswald, Soziologe an der Universität Hildesheim, widmet sich Kommunikations-Interfaces beim Online-Dating. Oswald hebt hervor, dass sozio-technologische Interaktionen beim Online-Dating in der empirischen Forschung als hochaktuelles gesellschaftliches Phänomen zu wenig Beachtung finden. Der Soziologe machte eine empirische Analyse anhand leitfadengestützter Interviews mit Nutzer*innen der populären Dating-App Tinder. Er zitiert einige Interviewpartner*innen. Einige überbrücken mit der App oft Wartezeiten und betonen den spielerischen Flow während der Nutzung. Mit der Wischgeste des Wertens und Sortierens geben und erhalten sie meist ein schnelles Feedback. Gamifizierte Anwendungen oder ein spielerisches Profil-Tableau bergen einen Herausforderungsaspekt. Nicht enden wollende Ortungsversuche anhand von GPS-Visuals erweitern die Interaktion von Mensch und Technik und das mögliche Suchtpotenzial. Weitere Aufsätze des Sammelbandes beschäftigen sich mit Diet-Tracking, Self-Tracking und Sport-Tracking.

Den digitalen Wandel und einhergehende Chancen und Gefahren für die Gesellschaft behandelt auch der Sammelband Digitaler Strukturwandel der Öffentlichkeit: interdisziplinäre Perspektiven auf politische Partizipation im Wandel (Inhaltsverzeichnis), herausgegeben von Jonas Bedford-Strohm, Dr. Florian Höhne und Julian Zeyher-Quattlender. Digitale Transformationsprozesse politischer Öffentlichkeit, neue Informations- und Partizipationsmöglichkeiten und Veränderungen des Diskurs-Klimas werden aus theologisch-ethischer, politikwissenschaftlicher oder praxisreflexiver Perspektive beleuchtet. Die Initiative für den Sammelband geht auf eine interdisziplinäre Konferenz am Berlin Institute for Public Theology als Kooperation mit dem Münchner Zentrum für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft zurück. Die Technikeuphorie der 2000er und frühen 2010er sei einer „zynisch und dystopisch anmutenden Stimmung“ gewichen, meint Jonas Bedford-Strohm in einem Beitrag zur „Kritik (der Kritik) der Filterblase“. Er beleuchtet das theoretische Motiv der Filterblase kritisch, historisch, medienethisch und bezugnehmend auf empirische Studienergebnisse. Florian Stickel behandelt hingegen Personalisierungs-Algorithmen für Nachrichten-Feeds, Big Data und Assistenz- und Mustererkennungssysteme durch künstliche Intelligenz. Der langjährige Chefredakteur von Microsoft News und Portalleiter für MSN in Deutschland problematisiert  Nutzerverhaltensanalysen durch KI im Medienalltag privatwirtschaftlich organisierter Technologie-Unternehmen wie Microsoft. Er betont die ethische Verantwortung und ethische Maßstäbe für Praktiken des Online-Journalismus.

Digitalisierung und Globalisierung werden oft auch als bedrohlich empfunden. Der Modernisierungsprozess, ein vermeintlich herrschaftsfreier Raum und der mögliche Zwang zur Selbstdarstellung im Internet bergen auch Unsicherheit. Der Kultursoziologe Andreas Reckwitz, Professor für vergleichende Kultursoziologie in Frankfurt/Oder beschreibt in dem Essays Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne (Inhaltsverzeichnis) einen Zustand der Gesellschaft während des vehementen technischen Strukturwandels unserer heutigen Zeit. Mit seiner aktuellen Gesellschaftsanalyse problematisiert der an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt lehrende Forscher die Zukunft des Liberalismus. Reckwitz betrachtet den gesamtgesellschaftlichen Aufschwung des Populismus, die Wahl Donald Trumps, Terroranschläge und das Brexit-Referendum als Merkmale oder Symptome einer Krisenhaftigkeit und eines politischen Paradigmenwechsels. Reckwitz Essay beleuchtet Strukturmerkmale der Gegenwart. An seine Analyse anschließend möchte Reckwitz in einer Art Lernprozess das marktwirtschaftliche bzw. kapitalistische System regulieren.

Zu guter Letzt sei noch auf die Veröffentlichung eines persönlichen NTA-Mitglieds unter den ausgewählten Publikationen hingewiesen. Thilo Spahl beschäftigt sich in einem Gemeinschaftswerk mit sechs Co-Autor*innen (Namen siehe unten), Experimente statt Experten. Plädoyer für eine Wiederbelebung der Demokratie (Inhaltsverzeichnis), mit aktuellen Fragen zur Demokratie. Die Autor*innen kritisieren ein für den Normalbürger kaum überschaubares Dickicht politischer Zuständigkeiten innerhalb der EU und eine Entfremdung der Bürger von der Regierung. Sie betrachten und analysieren eingehend mögliche Ursachen aktuellen Demokratieabbaus und die Geschichte von Demokratie und Demokratiegegnerschaft seit der Antike. Eine mögliche Volkssouveränität, eine Verteidigung der Demokratie und eine einhergehende kompromisslose Meinungsfreiheit sollte ihnen zufolge gestärkt werden – etwa durch neue Ansätze für eine offene Debattenkultur, die möglichst jeden beteilige und auch Wagnisse eingehe.

Die bibliografischen Angaben der insgesamt 11 NED-Titel vom Dezember 2019 lauten im Einzelnen:

Albisser Schleger, Heidi (Hrsg.): Das Entstehen von ethischen Problemen. Basel: Schwabe Verlag 2019. 978-3-7965-3885-8. METAP II - Alltagsethik für die ambulante und stationäre Langzeitpflege. 136 Seiten.

, Jonas (Hrsg.); Höhne, Florian (Hrsg.); Zeyher-Quattlender, Julian (Hrsg.): Digitaler Strukturwandel der Öffentlichkeit: interdisziplinäre Perspektiven auf politische Partizipation im Wandel. Baden-Baden: Nomos 2019. 978-3-8487-4968-3. 234 Seiten.

Carius, Alexander (Hrsg.); Taenzler, Dennis (Hrsg.); Semmling, Elsa (Hrsg.): The rise of green economies: a new paradigm for the developing world? München: oekom verlag 2019. 978-3-86581-478-4. 233 Seiten.

Dobrick, Farina Madita (Hrsg.); Fischer, Jana (Hrsg.); Hagen, Lutz M. (Hrsg.): Research ethics in the digital age: ethics for the social sciences and humanities in times of mediatization and digitization. Wiesbaden: Springer VS 2018. 978-3-658-12908-8. 163 Seiten.

Exner, Karin: Corporate risk management. Unternehmensweites Risikomanagement als Führungsaufgabe. Wien: Linde international 2019. 978-3-7143-0332-2. 265 Seiten.

Graßmann, Regina (Hrsg.), Krahl, Jürgen (Hrsg.), Löffl, Joseph (Hrsg.): Die Schreibübung in den Natur- und Ingenieurwissenschaften. Göttingen: Cuvillier Verlag 2018. 978-3-7369-9740-0. Buchreihe Zwischen den Welten, Band 14. 190 Seiten.

Hauger, Georg (Hrsg.): Innovatives Netzwerkdesign. Wien: TU-Verlag an der Technischen Universität Wien 2018. 978-3-903024-81-6. 76 Seiten.

Kahlenborn, Walter (Hrsg.); Clausen, Jens (Hrsg.); Behrendt, Siegfried (Hrsg.); Göll, Edgar (Hrsg.): Auf dem Weg zu einer Green Economy: wie die sozialökologische Transformation gelingen kann. Bielefeld: transcript 2019. 978-3-8376-4493-7. 298 Seiten.

Reckwitz, Andreas: Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne. Berlin: Suhrkamp 2019. 978-3-518-12735-3. 304 Seiten.

Rode, Daniel (Hrsg.); Stern, Martin (Hrsg.): Self-Tracking, Selfies, Tinder und Co. Konstellationen von Körper, Medien und Selbst in der Gegenwart. Bielefeld: transcript 2019. 978-3-8376-3908-7. 283 Seiten.

Rogusch, Kai; Spahl, Thilo; Beppler-Spahl, Sabine; Richardt, Johannes; Zydatiss, Kolja; Lindhorst, Erik; Horn, Alexander: Experimente statt Experten. Plädoyer für eine Wiederbelebung der Demokratie. Frankfurt: Novo Argumente Verlag 2019. 978-3-944610-57-3. 229 Seiten.

geschrieben von Ansgar Skoda | 743 Aufrufe, 0 Kommentare demokratieentwicklung ethik künstliche intelligenz ned online-dating liberalismus mint
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