TA, das gute Leben und Nachhaltigkeit für alle

Publikationsdatum: 28.08.20 19:09

Editorial zum Neuerscheinungsdienst (NED), Juli 2020

Man kann den Eindruck gewinnen, dass in „der“ Technikfolgenabschätzung (TA) zunehmend philosophische Vokabulare und Themen an Attraktivität gewinnen. Nicht nur sind beispielsweise verschiedene Redensarten von „Normativität“ für die begriffliche und konzeptionelle Arbeit der TA interessant geworden. Auch ist jüngst mit Rückgriff auf die praktische Philosophie bzw. die Sozialphilosophie der Vorschlag gemacht worden, den so genannten Befähigungsansatz (Capability Approach) für die TA fruchtbar zu machen. Im Kern geht es dabei darum, einen sozial- und techniktheoretischen Rahmen für die verschiedenen soziotechnischen und nachhaltigkeitswissenschaftlichen Gegenstände und Methoden der TA zu entwickeln.

Vor diesem Hintergrund und weil es sich bei dem Befähigungsansatz um einen Versuch handelt, Aristoteles‘ Tugendethik auch in (sozial)politischer und gerechtigkeitstheoretischer Hinsicht fruchtbar zu machen, kann es vielleicht lohnen, vorweg auf zwei philosophische „Klassiker“ hinzuweisen, die der automatische Suchlauf bei der Deutschen Nationalbibliothek für den Juli zusammengetragen hat: die von Gernot Krapinger besorgte Neuübersetzung der „Nikomachischen Ethik“, in der Aristoteles zeitlose Fragen nach dem guten Leben aufwirft (Inhaltsverzeichnis), und eine von Marion Giebel eingeleitete und herausgegebene Auswahl von Textpassagen aus den Schriften von Lucius Annaeus Seneca, die sich unter dem Titel „Wie viel Luxus braucht der Mensch?“ mit dem Genügsamkeitsideal und der „Ablehnung vom Mehrhabenwollen und -müssen“ (S. 24) des Stoikers befassen (Inhaltsverzeichnis).

Ohne nun die Ideen- und Realgeschichte dessen schreiben zu können, was man heute auch kurz und prägnant „Minimalismus“ nennen kann, sei mit Blick auf die Neuerscheinungen eine Arbeit „Glück und Nachhaltigkeit“ hervorgehoben, die „subjektives Wohlbefinden als Leitmotiv für nachhaltige Entwicklung“, so der Untertitel des Buches, zum Thema hat. Der Autor Jochen Dallmer, seines Zeichens Politikwissenschaftler und Glücksforscher, hat sich mit dem Zusammenhang von Suffizienz einerseits – also einem möglichst geringen Rohstoff-, Energie- und Umweltverbrauchs – und Konzepten des individuellen und kollektiven Well-Being andererseits befasst und greift auf „philosophische Ideenlehren des guten Lebens“ (S. 61-96) zurück, um Ansatzpunkte für die Politik, aber auch Grenzen und Hindernisse zu identifizieren, die das Wohlbefinden als Projekt der Moderne und der Aufklärung fortzuführen helfen (Inhaltsverzeichnis). Bemerkenswert ist, dass Dallmers achtes Kapitel unter der Überschrift „Aufgeklärter Hedonismus als Leitmotiv nachhaltiger Entwicklung“ (S. 187-214) sich stark mit einem anderen Buchtitel der Juli-Auswahl des openTA-Neuerscheinungsdienstes überschneidet, denn auch Alexander von Schönburg wirft mit seiner neuesten Publikation „Der grüne Hedonist. Wie man stilvoll den Planeten rettet“ die Frage auf, wie sich (wenn nicht schon Glücks- so doch immerhin) Genussstreben mit ökologisch motiviertem Konsumverzicht vereinbaren lässt (Inhaltsverzeichnis). Während es sich bei Dallmers Buch um ein wissenschaftsorientiertes Buch, genauer: die Ausarbeitung seiner Dissertationsschrift handelt, schreibt von Schönburg feuilletonistisch, selbstironisch „kultiviert“, und wendet sich geradezu dandyhaft sowohl gegen Verzichtsängste und die Stillosigkeit überflüssigen, verschwenderischen Genießens als auch gegen Selbstkasteiung, Spaßbremsen und den „Erlösungsglauben der neuen Öko-Religion“ (von Schönburg auf der Buch-Webseite des Verlags), um sich stilvoll, unterhaltsam, achtsam und „erhaben“ für einen umweltverträglichen bis -freundlichen, jedenfalls stets lustvollen und bewusst „smaragdgrünen“ (S. 7) Lebenswandel auszusprechen: „Es muss möglich sein, angenehm und doch halbwegs freundlich im Umgang mit dem Planeten zu leben“, so der Klappentext zu von Schönburgs Buch.

Einen gänzlich anderes, keinesfalls jedoch unterhaltungsindustriell motiviertes, sondern (entwicklungs)politisches Buch, hat demgegenüber Christoph Ambach bzw. das I.L.A. Kollektiv veröffentlicht. „I.L.A.“ steht für „Imperiale Lebensweise und solidarische Alternativen“ und besteht aus 35 jungen Wissenschaftler_innen und Aktivist_innen, die sich mit Bezug auf das Konzept der „imperialen Lebensweise“ um „unser“ alltägliches Handeln und Optionen für eine solidarische und sozial-ökologisch nachhaltige Transformation bemühen. Das I.L.A.-Projekt und das Buch „Das Gute Leben für Alle. Wege in eine solidarische Lebensweise“ wurde von Engagement Global im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), vom Katholischen Fonds und mit Mitteln des Evangelischen Kirchlichen Entwicklungsdienstes gefördert und die zugehörige Veröffentlichung ist online frei zugänglich. Zwar hat der Ansatz der „imperialen Lebensweise“ und die Art, wie dafür der „Kampf ums Konkrete“ (Hürtgen 2017), soziale Fragmentierung und gesellschaftliche Handlungsfähigkeit, Konkurrenz und Interessenskämpfe dabei gedacht (und nicht gedacht) werden, starke und scharfe Kritik erfahren, wie auch in einer jüngst geführten Video-Diskussion „Neben uns die Sintflut?“ nachverfolgt werden kann. Allerdings zeigen sich in diesen Debatten konzeptionelle Herausforderungen, die auch für manche TA-Zusammenhänge von Belang sein dürften, wenn beispielsweise „die“ globalen, planetarischen soziotechnischen Verhältnisse thematisch werden oder etwa Real- und Zukunftslabore als kleine Sozialversuche für suffiziente, ökologische, verantwortungsbewusste und am besten auch solidarische und rücksichtsvolle Veränderungsoptionen ins Spiel und zur Sprache kommen.

Selbst wenn eine gedankliche Ausarbeitung des Zusammenhangs von TA, „dem“ guten Leben – und einer Nachhaltigkeit für alle einstweilen ein Desiderat bleiben dürfte, so können die hier vorgestellten und für den Neuerscheinungsdienst ausgewählten Veröffentlichungen vielleicht eine spätsommerliche Inspiration bieten, um mutmaßlich gelassen und (doch) voller Tatendrang über humane, naturschonende Technik und sozial-ökologischen Umbau ebenso nachzudenken wie über die eigene wissenschaftliche Bezugsgruppe, das Arbeits- und Privatleben sowie das möglicherweise lieb gewonnene Konsum- und Freizeitverhalten.

Für die Juli-Ausgabe des NED wurden aus 362 automatisch erfassten Publikationen aus dem Datenbestand der Deutschen Nationalbibliothek insgesamt 31 Titel ausgewählt.

1. Ambach, Christoph (2019): Das Gute Leben für Alle. Wege in die solidarische Lebensweise. München: oekom, ISBN: 978-3-96238-095-3, 123 Seiten.

2. Anton, Andreas (2020): Sie sind da. Wie der Erstkontakt mit Aliens unsere Gesellschaft verändern könnte - ein Gedankenexperiment. München: Komplett Media, Originalausgabe, 1. Auflage, ISBN: 978-3-8312-0550-9, 235 Seiten.

3. Aristoteles (2020): Nikomachische Ethik. Griechisch/Deutsch; übersetzt und herausgegeben von Gernot Krapinger. Stuttgart: Reclam, ISBN: 978-3-15-019670-0, 711 Seiten.

4. Baas, Jens (Hg.) (2020): Digitale Gesundheit in Europa. Menschlich, vernetzt, nachhaltig. Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 1. Auflage, ISBN: 9783954665396, XVI, 344 Seiten, 10.32745/9783954665396.

5. Bauhardt, Christine; Muhl, Charlotte; Schulz, Daniel; Bauriedl, Sybille; Brüll, Anja; Burandt, Annemarie; Friedrich, Beate; Gottschlich, Daniela; Grischkat, Sylvie; Hanisch, Jochen; Heckmann, Angelika; Held, Martin; Kanning, Helga; Kapitza, Katharina; Karsten, Maria-Eleonora; Knothe, Bettina; Sabelis, Ida; Schön, Susanne; Scurrell, Babette; Seidl, Irmi; Steglich, Anja; Biesecker, Adelheid; Sulmowski, Jedrzey; Adam, Barbara; Amri-Henkel, Andrea; Szumelda, Anna; Weller, Ines; Winterfeld, Uta; Schultz, Susanne (2020): Nachhaltigkeit (re)produktiv denken. Pfade kritischer sozial-ökologischer Wissenschaft. Leverkusen: Verlag Barbara Budrich, [1. Auflage], ISBN: 978-3-847413325, 264 Seiten, 10.2307/j.ctv11hpr7c.

6. Beier, Katharina; Brügge, Claudia; Thorn, Petra; Wiesemann, Claudia (Hg.) (2020): Assistierte Reproduktion mit Hilfe Dritter. Medizin - Ethik - Psychologie - Recht. Berlin, Germany: Springer, 1. Auflage, ISBN: 978-3-662-60298-0, XVI, 464 Seiten, 10.1007/978-3-662-60298-0.

7. Blühdorn, Ingolfur (2020): Nachhaltige Nicht-Nachhaltigkeit. Warum die ökologische Transformation der Gesellschaft nicht stattfindet. Bielefeld: transcript, 2., aktualisierte Auflage, ISBN: 978-3-839454428, 346 Seiten, 10.14361/9783839454428.

8. Dallmer, Jochen (2020): Glück und Nachhaltigkeit. Subjektives Wohlbefinden als Leitmotiv für nachhaltige Entwicklung. Bielefeld: transcript, 1. Auflage, ISBN: 978-3-839452479, 353 Seiten, 10.14361/9783839452479.

9. Freund, Ronald (Hg.) (2020): Breitbandversorgung in Deutschland. Beiträge der 14. ITG-Fachkonferenz, 23.-24. März 2020 Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut, Berlin. Offenbach: VDE VERLAG, ISBN: 978-3-8007-5222-5, 1 CD-ROM.

10. Friedrich, Alexander; Gehring, Petra; Hubig, Christoph; Kaminski, Andreas; Nordmann, Alfred (Hg.) (2020): Autonomie und Unheimlichkeit. Baden-Baden: Nomos, 1. Auflage, ISBN: 978-3-748904861, 333 Seiten, 10.5771/9783748904861.

11. Fritzsche, Albrecht; Jonas, Julia M.; Roth, Angela; Möslein, Kathrin M. (Hg.) (2020): Innovating in the Open Lab. The new potential for interactive value creation across organizational boundaries. Berlin: De Gruyter, 1. Auflage, ISBN: 978-3-110633665, XIII, 312 Seiten, 10.1515/9783110633665.

12. Fry, Hannah (2019): Hello world. Was Algorithmen können und wie sie unser Leben verändern. Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung, Sonderausgabe für die Bundeszentrale für Politische Bildung, ISBN: 978-3-406732201, 272 Seiten, 10.17104/9783406732201.

13. Gigerenzer, Gerd (2020): Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft. München: Pantheon, ISBN: 978-3-570-55442-5, 396 Seiten.

14. Gloy, Yves-Simon (2020): Industrie 4.0 in der Textilproduktion. Berlin, Germany: Springer Vieweg, [1. Auflage], ISBN: 978-3-662-54502-7, XIV, 344 Seiten, 10.1007/978-3-662-54502-7.

15. Henke, Silvia (2020): Manifest der Künstlerischen Forschung. Eine Verteidigung gegen ihre Verfechter : versetzt mit "Bildstücken" - Deklination einer Collage von Sabine Hertig (2019) = Manifesto of artistic research. Zürich: Diaphanes, 1. Auflage, ISBN: 978-3-0358-0220-7, 62, 62 Seiten.

16. Hinrichsen, Jan (2020): Unsicheres Ordnen. Lawinenabwehr, Galtür 1884-2014. Tübingen: Mohr Siebeck, [1. Auflage], ISBN: 9783161590351, XI, 305 Seiten, 10.1628/978-3-16-159035-1.

17. Manz, Volker (2020): Food for Future! Einstieg in eine klimagerechte, nachhaltige und gesunde Ernährungsweise. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel, 1. Auflage, ISBN: 978-3-95558-274-6, 141 Seiten.

18. Niederberger, Marlen; Renn, Ortwin (Hg.) (2019): Delphi-Verfahren in den Sozial- und Gesundheitswissenschaften. Konzept, Varianten und Anwendungsbeispiele. Wiesbaden, Germany: Springer VS, ISBN: 978-3-658-21657-3, XVIII, 336 Seiten, 10.1007/978-3-658-21657-3.

19. Nussbaum, Martha Craven (2020): Kosmopolitismus. Revision eines Ideals. Darmstadt: wbg Theiss, 978-3-8062-4058-0, 352 Seiten.

20. o.A. (2020): Halal nachhaltig leben. Zwischen Ethik und Konsum. Köln: PLURAL Publications, 1. Auflage, 978-3- ISBN: 947179-58-9, 64 Seiten.

21. Peters, Martina; Peters, Jörg (Hg.) (2020): Philosophieren mit Gedankenexperimenten. Hamburg: Meiner, ISBN: 978-3-787336616, 128 Seiten, 10.28937/978-3-7873-3661-6.

22. Pfleiderer, Georg; Matern, Harald (Hg.) (2020): Apokalyptische Diskurse in interdisziplinärer Diskussion. Zürich: Pano Verlag, ISBN: 978-3-290-22056-3, 381 Seiten.

23. Rehlinghaus, Franziska; Teichmann, Ulf (Hg.) (2019): Vergangene Zukünfte von Arbeit. Aussichten, Ängste und Aneignungen im 20. Jahrhundert. Bonn: Dietz, ISBN: 978-3-8012-4267-1, 256 Seiten.

24. Schleicher, Tim (2020): Kollaborierende Roboter anweisen. Gestaltungsempfehlungen für ergonomische Mensch-Roboter-Schnittstellen. Wiesbaden, Germany: Springer Vieweg, 2661-8249, XXX, 249 Seiten, ISBN: 10.1007/978-3-658-29051-1.

25. Schönburg, Alexander von (2020): Der grüne Hedonist. Wie man stilvoll den Planeten rettet. München: Piper, ISBN: 978-3-492-07031-7, 235 Seiten.

26. Seneca, Lucius Annaeus (2020): Wie viel Luxus braucht der Mensch? Stuttgart: Reclam, ISBN: 978-3-15-019665-6, 83 Seiten.

27. Spanner, Günter (2019): Robotik und Künstliche Intelligenz. Aachen: Elektor, 1. Auflage, ISBN: 978-3-89576-345-8, 318 Seiten.

28. Unger, Jochem (2020): Alternative Energietechnik. Wiesbaden, Germany: Springer Vieweg, 6., aktualisierte und überarbeitete Auflage, ISBN: 978-3-658-27465-8, XVI, 261 Seiten, 10.1007/978-3-658-27465-8.

29. Welfens, Paul J. J. (Hg.) (2020): EU-Strukturwandel, Leitmärkte und Techno-Globalisierung. Berlin: De Gruyter Oldenbourg, 1. Auflage, ISBN: 9783110583212, XXVII, 247 Seiten, 10.1515/9783110583212.

30. Wernicke, Jens; Pohlmann, Dirk (Hg.) (2020): Die Öko-Katastrophe. Den Planeten zu retten, heißt die herrschenden Eliten zu stürzen : das Handbuch zu den weltweiten Klimaprotesten. München: Abod, Ungekürzte Lesefassung, ISBN: 978-3-95471-739-2, 11 CDs.

31. Zekl, Else (Hg.) (2020): Darüber dass man kein Fleisch essen soll. Würzburg: Königshausen & Neumann, ISBN: 978-3-8260-6466-1, 299 Seiten.

geschrieben von Dirk Hommrich | 316 Aufrufe, 0 Kommentare nachhaltigkeit suffizienz technikfolgenabschätzung theorie der ta umwelt
Benutzer Beiträge Datum
Dirk Hommrich 6 Vor 3 Wochen
Marius Albiez 11 Vor 1 Monat
Tanja Sinozic 8 Vor 2 Monaten
Christoph Kehl 7 Vor 4 Monaten
Karsten Weber 2 Vor 5 Monaten
Ansgar Skoda 13 Vor 6 Monaten
Ulrich Riehm 23 Vor 1 Jahr
Maria Maia 2 Vor 1 Jahr
Nils Heyen 1 Vor 1 Jahr
Reinhard Heil 4 Vor 2 Jahren