Eine wissenschaftliche Zeitschrift für TA mit Peer Review, aber welches Peer Review?

Publikationsdatum: 23.09.16 16:00    Letzte Aktualisierung: 12.07.18 16:19

Im Zuge des 2017 anstehenden Relaunch der Zeitschrift TATuP wird hier für die Einführung eines geregelten Peer Review plädiert, der nicht anonym und nicht öffentlich erfolgt sowie vor der Veröffentlichung stattfindet.

Zu den Merkmalen eines etablierten, wissenschaftlichen Fachgebiets werden u.a. ein abgegrenzter Untersuchungsgegenstand, eine wissenschaftliche Methodik, universitäre Lehrstühle und Institute sowie die Herausbildung eigener wissenschaftlicher Zeitschriften gezählt. Technikfolgenabschätzung (TA) ? es soll hier offen bleiben, ob es sich bei TA um eine eigene Wissenschaftsdisziplin handelt, ? erfüllt einige dieser Merkmale.

TA-ZeitschriftenPoiesis & Praxis

Über 12 Jahre, von 2001 bis 2012, gab es die Zeitschrift ?Poiesis & Praxis ? International Journal of Ethics of Science and Technology Assessment?. Sie wurde von der EA European Academy in Zusammenarbeit mit dem Springer-Verlag herausgegeben. Die Artikel in P&P wurden begutachtet. Insgesamt erschienen in den 12 Jahren ihres Erscheinens 27 Hefte mit insgesamt 201 Artikeln. P&P wurde allerdings 2012 eingestellt.

 

Seit 25 Jahren besteht die Zeitschrift ?Technikfolgenabschätzung ? Theorie und Praxis? (TATuP). Sie ist nach der Einstellung von Poiesis & Praxis ? jedenfalls im deutschsprachigen Raum ?  die einzige verbliebene wissenschaftliche Zeitschrift, die noch TA in ihrem Titel führt. TATuP wird vom Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) herausgegeben und enthält neben wissenschaftlichen Artikeln, die sowohl in Deutsch als auch in Englisch erscheinen, auch Nachrichten, Rezensionen, Projekt- und Tagungsberichte sowie ein Diskussionsforum. TATuP ist gedruckt wie online frei zugänglich.

Peer Review Week 2016Im Folgenden interessiert das derzeitige und zukünftige Begutachtungsverfahren von TATuP, ein zentrales Element wissenschaftlicher Publizistik. Ich stelle hierzu einige Überlegungen zur Diskussion und in den Kontext der internationalen Peer Review Week, die in dieser Woche in diesem Jahr zum zweiten Mal stattfindet und zum Ziel hat, die wichtige Rolle von Begutachtungsverfahren in der Wissenschaft hervorzuheben.

Das Qualitätssicherungsverfahren, das TATuP bisher anwendet, ist zweigeteilt. Für die Artikel des jeweiligen Schwerpunktthemas eines Heftes erfolgt die inhaltliche Betreuung durch die jeweiligen Schwerpunktherausgeber und die Redaktion. Alle weiteren Rubriken des Heftes werden von der Redaktion betreut, die ad hoc von KollegInnen zusätzlichen fachlichen Rat einholt. Es gibt aber kein formalisiertes ?peer review?, wie es für viele wissenschaftliche Zeitschriften der Standard, und für die Aufnahme in den wichtigen Nachweisdatenbanken (etwa Scopus oder Web of Science) eine Voraussetzung ist.

Innerhalb vom ITAS und im Umfeld der Zeitschrift TATuP wurde die Frage, ob nicht ein Peer Review eingeführt werden sollte, über viele Jahre immer wieder kontrovers diskutiert.

Warum Peer Review?

Für ein Peer Review-Verfahren wird insbesondere das Argument vorgebracht, dass nur dann der Artikel für individuelle Karrieren (etwa in einem Bewerbungsverfahren) und bei institutionellen Evaluationen zählt. ?Begutachtete Artikel? seien nun mal die ?Goldwährung? für wissenschaftliche ?Exzellenz?. Gegen die Einführung eines Begutachtungsverfahrens bei der TATuP wurden u.a. pragmatische Argument angeführt: Der Aufwand für das Management der Begutachtung steigere die eh schon hohen Aufwendungen, die das ITAS aus eigenen Mitteln für die Herausgabe von TATuP aufbringe, weiter. Außerdem würden unweigerlich die zeitlichen Abläufe verlängert und damit auch die Flexibilität, insbesondere bei der Realisierung der Schwerpunktthemen, eingeschränkt.

Über Pro und Contra des Peer Reviews gibt es eine ausufernde Diskussion, die hier nur angedeutet werden kann. Peer Review garantiere nicht die wissenschaftliche Qualität von Artikeln, wie viele Fälschungsskandale der letzten Jahre gezeigt habe, wird z.B. vorgebracht. Aber, ließe sich dagegen einwenden, verhindert kein Peer Review diese negativen Ausreißer in einem ansonsten gut funktionierenden Publikationsmilieu. Peer Review mache die Publikationsprozesse zu langsam, befördere eher Zitationskartelle und geben den meist anonymen Gutachtern zu viel Macht sind weitere Contra-Argumente. Auf der anderen Seite zeigen viele Befragungen von Wissenschaftlern, dass sie bei der Auswahl oder Beurteilung einer Zeitschrift als Publikationsplattform für einen eigenen Artikel besonderen Wert auf einen sorgfältig durchgeführten Begutachtungsprozess legen. Die Akzeptanz des Peer Review unter Wissenschaftlern ist hoch.

Die neue TATuP 2017

Bei TATuP steht im nächsten Jahr ein Relaunch an. Mit dem Relaunch soll auch ein geregelter Peer Review eingeführt werden. Das ist in der Redaktion bereits Konsens. Aber welche Art des Peer Review?

Es gibt eine solche Vielzahl von Varianten, dass diese hier nicht einzeln vorgestellt und diskutiert werden können. Ich beschränke mich auf drei zentrale Dimensionen des Verfahrens: Wann wird die Begutachtung durchgeführt? Findet sie anonym statt? Und welche Teile des Verfahrens sind öffentlich?

Pre- oder Post-Review?

Der bisherige Normalfall ist die Begutachtung vor der Veröffentlichung. Im Zuge aktueller Varianten des ?open peer review? kommt auch eine nachträgliche Begutachtung in die Diskussion.

Das Verfahren sähe etwa so aus: Das Autorenmanuskript wird auf einem Web-Server ? evtl. nach einem minimalen Check durch eine Redaktion ? veröffentlicht und damit zur Begutachtung freigeben. Ob man nun auf freiwillige Gutachter einfach wartet oder gezielt Gutachter akquiriert sei dahin gestellt. Offen kann an dieser Stelle auch bleiben, ob diese Post-Gutachten veröffentlicht werden oder nur der Redaktion und/oder den AutorInnen zugänglich sind. Autor oder Autorin könnten auf Basis der irgendwann vorliegenden Gutachten den Artikel überarbeiten und in einer neuen Version veröffentlichen. Eine Ablehnung eines Manuskriptes, das dann nicht zur Veröffentlichung führt, gäbe es nicht. Man kann in einem solchen Post-Peer-Review mindestens zwei wichtige Vorteile sehen:

1. Der Autor kann selbst über den Zeitpunkt der Erstveröffentlichung entscheiden und ist nicht auf einen für ihn kaum steuer- und kalkulierbaren Pre-Review-Prozess angewiesen. Das ist für diejenigen Wissenschaftsgebiete vielleicht ein besonders wichtiges Argument, bei denen es auf einen möglichst frühen Zeitpunkt der Publikation ankommt. Für TA scheint mir das in der Regel nicht der Fall zu sein.

2. Während es bei der Publikation vorgelagerter Begutachtungsverfahren durchaus mehr oder weniger häufig vorkommt, dass das eingereichte Manuskript inhaltlich wie formal in einem nicht besonders guten Zustand ist, da die Autoren mit weiteren Überarbeitungsschritten rechnen, könnte ein Post-Review-Verfahren dazu beitragen, dass die Autorin oder der Autor mehr Sorgfalt bereits in die Erstellung der ersten veröffentlichten Version des Manuskriptes legt. Dies wäre für Redaktionen, Gutachter und Leser ein gewisser Vorteil.

Generell überzeugen mich diese Vorteile aber nicht und ein Post-Review passt auch schlecht für eine gedruckte und online als Heft publizierte Zeitschrift, sondern eher für fachliche Repositorien oder ?PrePrint-Archive?, wie etwa arXiv.org oder das Social Science Research Network. Es erscheint mir auch nicht besonders attraktiv mehrere Versionen eines thematisch einschlägigen Artikels lesen zu müssen, wenn Redaktionen, Herausgeber und Gutachter als ?Vorleser? zu einem geprüften und konsolidierten Text vor der Veröffentlichung beitragen können. Schließlich ist die Hoffnung auf die sich freiwillig findenden Gutachter eines schon publizierten Manuskriptes in vielen Fällen trügerisch. Aus Erfahrung weiß man, dass Repliken oder Leserbriefe zu publizierten Artikeln immer wieder vorkommen, aber doch sehr selten sind.

Anonym oder Nichtanonym?

?Double blind peer review? gilt in vielen Diskussionen um Begutachtungsverfahren als die beste Variante. Es bedeutet, dass der Gutachter nicht weiß, wer die Autoren eines Manuskriptes sind und die Autoren nicht wissen, wer die Gutachter sind. Als Vorteile werden insbesondere angeführt, dass die Beurteilung nur auf Basis des Textes und nicht unter Berücksichtigung einer möglichen freundschaftlichen oder auch konkurrierenden persönlichen Beziehung erfolge. Auch die Gutachter seien in ihrem Urteil freier, wenn die Autoren ihre Namen nicht kennen, da es ja durchaus Abhängigkeiten eines Gutachters von einem Autor geben könne. Die große Frage ist, ob diese hergestellte Anonymität der Beteiligten im Verfahren nicht in vielen Fällen eine Fiktion ist, da insbesondere in kleinen Wissenschaftsgemeinschaften, wie die TA eine ist, die Forschungsthemen von Kollegen in der Regel bekannt sind oder leicht über eine Googlesuche herausgefunden werden können.

Wissenschaft lebt von der kollegialen, offenen Kritik. Diese findet auf Kongressen, Workshops und Kolloquien statt oder auch in Rezensionen und Publikationen. Warum sollte diese personal zuordenbare Kiritk nicht auch im Begutachtungsprozess funktionieren?

So erscheint ein Verfahren, in dem die AutorInnen wissen, wer ihre GutachterInnen sind, und die GutachterInnen wissen, wer die AutorInnen sind, als eine prüfenswerte Alternative. Dieser ?non blind peer review? ist vielleicht dann besonders attraktiv, wenn es im Begutachtungsverfahren nicht um das Erzielen möglichst hoher Ablehnungsraten geht, sondern um das gemeinsame, kollegiale Bemühen um einen inhaltlich wie formal besseren Text. Da scheint mir auch für TATuP einen Versuch wert.

Im Übrigen stellen die Kriterien von Scopus, Web of Science u.a. nicht auf eine bestimmte Form des peer review, etwa double blind, ab, sondern ?nur? auf ein geregeltes, transparentes peer review-Verfahren überhaupt.

Öffentlich oder nicht öffentlich?

Schließlich und abschließend zur Frage, ob das Begutachtungsverfahren öffentlich sein soll. Das würde insbesondere bedeuten, dass die gutachterlichen Äußerungen und die eventuellen Rückäußerungen der Autoren für jeden nachlesbar wären. In Zeiten des Internet ist es ja ein Leichtes, alle möglichen Dokumente zu verlinken und öffentlich zu machen. Ein solches Verfahren wird Open Peer Review genannt, das wiederum in unterschiedlichen Varianten vorkommt. Allerdings, obwohl in vielen progressiv-programmatischen Äußerungen als der neue Königsweg gepriesen, gibt es nach meinem Eindruck nur wenige erfolgreiche und überzeugende Beispiele hierfür.

Auch hier gilt es wieder prinzipielle und pragmatische Argumente abzuwägen. Die Erstellung eines veröffentlichungsreifen Gutachtentextes setzt deutlich höhere (zeitliche) Anforderungen an den oder die Gutachter als ein nur intern verhandeltes Gutachten. Das öffentliche Gutachten bekäme den Charakter einer Rezension. Und die große Frage wäre dann, wie viele potentielle Gutachter unter diesen Umständen noch bereit wären, gutachterlich tätig zu werden.

Der nicht anonyme, aber nicht öffentliche Gutachtensprozess kann im besten Fall eine kollegiale Vertraulichkeit herstellen, die dem Prozess der Kritik dienlich sein kann, weil gegenüber dem Partner im Verfahren manches offener formuliert werden kann als dies vielleicht in der Öffentlichkeit gemacht würde. Auch dieses könnte dem Produkt, dem guten wissenschaftlichen Artikel, zugutekommen.

Nicht jedes Verfahren passt auf jeden Kontext. Die TA-Community und TATuP sind in gewisser Weise besonders. So war nicht zu erwarten, dass das Abklopfen einiger Argumente für oder gegen bestimmte Verfahren der Begutachtung wissenschaftlicher Artikel ein eindeutiges Ergebnis bringen könne. Man muss sich also entscheiden und man muss es ausprobieren. Mir scheint ein geregeltes, transparentes, nicht anonymes und nicht öffentliches Begutachtungsverfahren vor der Veröffentlichung ein sinnvoller und auch pragmatisch machbarer Weg für eine ?neue? TATuP zu sein.

Ihre Meinung hierzu würde mich und die TATuP-Redaktion interessieren. Schreiben Sie hier im openTA-Blog einen Kommentar oder direkt an Redaktion@tatup-journal.de und diskutieren Sie mit der TATuP-Redaktion und den NTA-KollegInnen auf der NTA7 in Bonn am Freitag, 18.11.2016, 13:30 zum Thema ?Die neue TA TuP in NTA und openTA? .

geschrieben von Ulrich Riehm | 10885 Aufrufe, 5 Kommentare double blind nta7 peer review ta-zeitschrift tatup
Christopher Coenen
Vielen Dank, lieber Ulrich, für diesen sehr interessanten Beitrag! Gutachter*innen sollten m.E. anonym sein, da sich sonst viele auch mit berechtigter Kritik zurückhalten werden. (Die Klärung schaffende Kontroverse ist meiner Wahrnehmung nach bei Konferenzen inzwischen eher eine Seltenheit, es wird einander oft zu konfliktscheu begegnet.) Im Fall von Single-blind reviews - bei denen anonym nur die Gutachter*innen sind -, würde das Argument des Googelns nach den Autor*innen wegfallen. Bei gänzlich nicht-anonymem Peer Rerview sollten die Gutachten besser öffentlich sein, damit selbst geprüft werden kann, wie kritisch ein Blick gewesen ist. Als Experiment fände ich die öffentlichen Reviews auf jeden Fall spannender. Meiner Erfahrung gibt es viel relevanten Gedankenaustausch zwischen Autor*innen und Gutachter*innen, und es ist schade, dass der "geheim" bleibt. Also meine Präferenz wäre: anonyme Gutachter*innen (single-blind), eventuell auch Autor*innen )double-blind), und, als Experiment, öffentliche Gutachten.
Verfasst am 25.09.2016 23:20
Stefan Böschen
Lieber Ulrich, lieber Christopher, zunächst finde ich es hervorragend, dass die TATuP in die genannte Richtung weiter entwickelt und dabei ein geregeltes Peer Review Verfahren etabliert wird. Vom grundsätzlichen Standpunkt spricht doch sehr viel für ein solches Verfahren, da die Kritik die Arbeiten besser macht. So jedenfalls meine persönliche Erfahrung, die darauf basiert, dass ich nur sehr selten eine unfaire oder unpassende Kritik im Peer Review-Prozess erhalten habe. Vielmehr wurde ich oft vor manchmal sogar peinlichen Fehlern bewahrt. Für die konkrete Durchführung würde ich der Einschätzung von Christopher folgen, aber die Reihung umdrehen, nämlich double-blind vor zingle-blind. Das sind die besseren Alternativen, um offener zu sprechen, selbst wenn es manchmal eher eine Fiktion sein mag in einer kleinen Gemeinde, jedoch bleibt ja eine gewisse Unsicherheit, wessen Artikel, wessen Kritik da eigentlich aufeinander getroffen sind. Die Alternative, als Experiment, wäre in der Tat ein öffentliches Verfahren.
Verfasst am 01.10.2016 13:41
Arnd Weber
Lieber Ulrich, liebe alle, bei Gutachten ist es für die Herausgeber und die Autoren nützlich, wenn eventuelle Kritikpunkte kurz und klar benannt werden. Hier sollte man also direkt sein, etwa so etwas schreiben wie: ?die Autoren haben die Studie von XY übersehen, damit berücksichtigt der Entwurf nicht den Stand der Forschung und deshalb lehne ich ihn ab?. Dies wäre eine harsche Kritik. Wenn Gutachter und Begutachtete sich in anderem Kontext begegnen, etwa anlässlich eines weiteren Papieres, bei der Begutachtung eines Projektantrages - mit welcher Rollenverteilung auch immer - oder auf einer Tagung, würde dies das zwischenmenschliche Verhältnis beeinträchtigen, sowie Folgeentscheidungen. Herausgeber brauchen aber direkte Formulierungen, um leicht entscheiden zu können. Und gute Gutachter haben keine Zeit für die Formulierung höflicher, netter oder wortreicher Ausführungen, in denen man nach dem Knackpunkt suchen muss. Deshalb sollten Gutachter gegenüber den Begutachteten anonym bleiben. Zur Frage der Vertraulichkeit der Namen der Autoren habe ich eine schwächere Meinung, da man diese meist, wenn man auf dem Internet nach Kernthesen oder zitierter Literatur sucht, erraten kann. Ein Vorteil der Anonymität der Autoren wäre darin zu sehen, dass der Gutachter sich nicht sicher sein kann, ob es sich um einen renommierten oder einen unbekannten Autor handelt, er also nicht leichtfertig zustimmt (und ggf. auch nicht seine Studenten, falls er die Begutachtung delegieren sollte). Gruß Arnd
Verfasst am 04.10.2016 08:51
Stephan Lingner
Danke Ulrich et al., es ist nicht so leicht, eine unangreifbare Entscheidung zugunsten einer der Review-Varianten zu treffen. Selbst wenn man die besonderen Randbedingungen des Publizierens im TA-Bereich zugrunde legt, offenbaren sich doch spezifische Vor- und Nachteile aller diskutierten Varianten auf den verschiedenen epistemischen, praktischen und persönlichen Ebenen im Review-Prozess. Hinzu kommt, dass manche überlieferte Klagen über das eine oder andere Verfahren nicht systematischer Natur sind, sondern lediglich singuläre Vorkommnisse z.B. aufgrund handwerklicher Fehler wiederspiegeln, die bei gleich welchem Verfahren immer wieder vorkommen können und somit nie ganz vermieden werden können. Ich selbst würde das etablierte Verfahren von double-blind bevorzugen. Es ist allgemein akzeptiert und wird entsprechend in der Community auch erwartet. Ich halte es auch für etwas riskant, den fraglos ambitionierten Relaunch der Zeitschrift zugleich mit dem Anspruch zu verknüpfen, dabei auch ein ?neues? Peer-Review-System einführen zu wollen. Auch wenn dies zunächst ?nur? im explorativen Modus geschieht, macht es das m.E. nicht viel besser. Die (Neu-)Geburt einer Zeitschrift ist eine sensible Phase im Leben eines Journals, wo man Interessierte früh und dann womöglich auf Dauer abschrecken kann. Ich würde daher mit der Zeitschrift und dem Review ?klassisch? anfangen, um die ersten Hürden ohne weitere Legitimationslasten zu nehmen. Sollte sich das Review-Verfahren dann nicht bewähren, könnte man ggf. später ? nach hinreichender Konsolidierung von TA.TuP ? Alternativen erwägen, am besten mit den Nutzer(inne)n diskutieren (z.B. in einer Schwerpunktausgabe der Zeitschrift hierzu) und als explizit angekündigtes ?Realexperiment einführen und kritisch beobachten. Vielleicht macht man es aber auch einfach (erst einmal) wie bei GAIA: Dort gibt es eine Koexistenz von gekennzeichneten Peer-Review-Artikeln und anderen Beiträgen, die pointierter auf Diskurs setzen. Das fand ich eigentlich immer sehr gelungen ?
Verfasst am 06.10.2016 15:25
Ulrich Riehm
Liebe Kritiker, vielen Dank für die offenen Worte. Es war fast absehbar, dass der Vorschlag für ein non-blind und gleichzeitig nicht-öffentliches Begutachtungsverfahren Gegenwind erzeugen wird. Wir sind uns glaube ich einig, dass es das eine ideale Verfahren nicht gibt, sondern jedes Verfahren seine Vor- und Nachteile hat. Stephan Lingner hat mit Recht darauf hingewiesen, dass dieser Abwägungsprozess mehrere Dimensionen zu berücksichtigen hat, nicht zuletzt eine pragmatische: Was kann die Redaktion unter den gegebenen Bedingungen leisten? Was passt in ein bestimmtes Zeitschriften Setting? Wir sind uns auch einig, dass ein einmal gewähltes Verfahren, auch wieder geändert werden kann, wenn es sich nicht bewährt. Wir sind uns des Weiteren darin einig, dass ein geregeltes Begutachtungsverfahren, wie es jetzt bei TA TuP ab 2017 eingeführt werden wird - egal in welcher Variante - auf jeden Fall der Qualität der Artikel und der Reputation von TA TuP gut tun wird. Stephan Lingners Vorschlag, eine Koexistenz von gekennzeichneten Peer-Review-Artikeln und nicht begutachteten Beiträgen, wie schon lange in Gaia praktiziert, auch in TA TuP zu erlauben, ist bereits Bestandteil unseres (neuen) Redaktionskonzepts. Es bietet uns auch notwendige Flexibilitätsräume für die Gestaltung der Schwerpunktthemen, bei denen wir ja mit fixen Druckterminen umgehen müssen. Interessant finde ich, dass sowohl Christoph Coenen als auch Stefan Böschen einerseits double blind/single blind befürworten andererseits aber auch gerne mit einem schicken, modernen open peer review liebäugeln. Ist das nicht ein gewisser Widerspruch, wenn auf der einen Seite befürchtet wird, im nicht anonymen Fall würde Kritik zurückgehalten, auf der anderen Seite das hohe Lied von open peer review gesungen wird? Nicht berücksichtigt wird m.E. von den open peer review-Befürwortern, dass TA TuP weiterhin eine gedruckte Zeitschrift mit einem thematischen Heftschwerpunkt sein wird? Das passt für mich gar nicht mit open peer review zusammen. Zu open peer review gibt es begrenzte und sehr unterschiedliche Erfahrungen (siehe etwa Tamburri 2012 Opening up peer review http://www.universityaffairs.ca/features/feature-article/opening-up-peer-review/). Ich kenne keine, die sich auf eine wissenschaftliche, gedruckte Zeitschrift mit einem Schwerpunktkonzept beziehen. Wenn nur noch einzelne ?paper?, etwa in den neuen Mega-Zeitschriften ohne inhaltliches Profil, veröffentlicht werden sollen, mag es einen Pfad für open peer review geben. Oft wird mitgeteilt, dass der redaktionelle Aufwand und die zeitliche Bearbeitungsdauer beträchtlich steigen. Stevan Harnad, einer der prominentesten Befürworter von Open Access, publiziert und forscht seit den 1980er Jahren ebenfalls über open peer review, auch wenn dies noch gar nicht so genannt wurde. Im Ergebnis hält er an herkömmlichen nicht öffentlichen und prepublikations Begutachtungsverfahren fest, und weist dem open peer review eine ergänzende, postpublikative Funktion zu. Aber kennen wir das nicht schon lange unter der Überschrift ?Leserbrief? oder ?Artikelkritik?mit eventuell folgender ?Autorenreplik?? TA TuP wird sich dem auf jeden Fall öffnen. Der Haupteinwand gegen unser Modell ist aber ja ein anderer: Die gegenseitige namentliche Kenntnis von Autoren und Gutachterinnen hemme berechtige Kritik oder, wenn sie offen und direkt ausgesprochen würde, könne sie die zwischenmenschlichen, kollegialen Verhältnisse stören. Gleichzeitig wird konstatiert, dass man selbst als Autor unfaire Kritik im Peer Review-Prozess selten erlebt habe. ?Vielmehr wurde ich oft vor manchmal sogar peinlichen Fehlern bewahrt? (Stefan Böschen). Und Arnd Weber findet eine (zu) harsche Kritik, den Hinweis eines Gutachters, dass der Autor eine wichtige Studie übersehen habe, die er deshalb nicht gerne ohne Anonymitätsvisier äußern wolle. Ich frage mich, welches Verständnis einer kollegialen, wissenschaftlichen Kritik liegt hier vor? Stimmt bei diesen Vorbehalten vielleicht etwas nicht an dieser Kritik oder vielleicht auch an der Qualifikation der Gutachter, dass sie meinen nicht zu ihren Einwänden und Kritiken stehen zu können? Geht es darum, jemanden etwas auszuwischen, um ausgelebte oder befürchtete Rache? Wenn das Gutachten Substanz hat, darauf muss Redaktion und Herausgeber achten, werden die Autoren (letztlich) dankbar sein, auch wenn es ihnen gegebenenfalls zusätzliche Arbeit beschert und sie bei Einreichung auf einen ?Durchmarsch? zur Publikation gehofft hatten. Diese Dankbarkeit kann sich dann an einen oder mehrere namentliche bekannte Adressaten richten. Wäre das nicht schön?
Verfasst am 14.11.2016 16:24
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