Pragmatistischer Experimentalismus als Theorie der TA?

Publikationsdatum: 23.01.18 11:55    Letzte Aktualisierung: 12.07.18 16:19

Editorial zum Online-Neuerscheinungsdienst ?ueberdeNTAellerrand? (NED) Dezember 2017.

John Dewey (Wikimedia Commons)Die Fragestellung, mit der sich dieser Blogbeitrag (mit Blick schon auf die nächste Ausgabe der TATuP 1/2018 zur "Theorie der TA") befasst, ist eine doppelte: Könnte der ?demokratische Experimentalismus? eines John Dewey nicht einen brauchbaren Rahmen abgeben, um TA theoretisch zu verorten, und wäre die Forschungspraxis der TA nicht selbst als hochgradig ?experimentalistisch? zu verstehen? Die Erörterung wurde durch die Habilitationsschrift von Tanja Bogusz "Experimentalismus und Soziologie" angeregt. Abschließend wird noch auf den von Stefan Böschen, Matthias Groß und Wolfgang Krohn herausgegebenen Sammelband ?Experimentelle Gesellschaft. Das Experiment als wissensgesellschaftliches Dispositiv? hingewiesen.

In diesem Editorial geht es hauptsächlich um eine Neuerscheinung, nämlich um die 2017 abgeschlossene Habilitationsschrift von Tanja Bogusz, Professorin an der Universität Kassel (Fachgebiet Soziologie sozialer Disparitäten). Der komplette Titel lautet: Experimentalismus und Soziologie. Von der Krisen- zur Erfahrungswissenschaft.

Diese Arbeit ist das Ergebnis von mehr als fünf Jahren intensiver Befassung der Autorin ? nachzuverfolgen anhand vieler Zeitschriften- und Buchbeiträge ?, mit dem amerikanischen Pragmatismus, dem französischen Neopragmatismus und der Rezeption des Pragmatismus in Deutschland (vgl. die komplette Publikationsliste).

Es waren insbesondere zwei Unterpunkte im Inhaltsverzeichnis, die mein Interesse als TA-Forscher an dieser Arbeit weckten: ?4.3.2 ?Partizipieren?: Experimentalistische Soziologien kritischer Öffentlichkeiten ? STS und ANT? und ?4.3.3 ?Kollaborieren?: Mit Dewey auf einer meeresbiologischen Expedition ? Doing Biodiversity?.

Bevor ich die oben aufgeworfene doppelte Fragestellung auf die Arbeiten von Tanja Bogusz rückbeziehe, ist kurz zu erläutern, worum es meiner Auffassung nach bei der TA geht. Heute darf man wohl unwidersprochen sagen, dass TA es mit sozio-technischen Innovations- und Transformationsprozessen zu tun hat, die sich Akteurskonfigurationen verdanken, die sich dynamisch wandeln. Alternativ zu dem von Norbert Elias stammenden Begriff der Konfiguration, ließe sich je nach theoretischer Vorliebe auch von sozio-technischen Konstellationen, Innovationsnetzwerken oder Aktor-Netzwerken sprechen. Kennzeichen dieser Interdependenzgeflechte ist in jedem Fall die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Interessen und Präferenzen der Akteure, ihrer Ressourcen und Machtpotenziale, des verfügbaren Wissens und der kognitiv-praktischen Orientierungen (z.B. Visionen, Leitbilder, Strategien, Weltanschauungen). Untrennbar mit den sozio-technischen Innovations- und Transformationsprozessen verwoben sind die zugehörigen Diskurse.

Die Themen, derer sich die TA annimmt, sind über die politische Öffentlichkeit vermittelt, und die Forschungsergebnisse ihrerseits sind öffentlich zugänglich und werden aktiv in den öffentlichen Diskurs eingespeist. TA ist als ein Akteur unter vielen in Wissensproduktion und Verständigungsprozesse involviert. TA muss sich keineswegs auf die diskursive Ebene beschränken, sondern kann auch in den Traditionen der Begleitforschung sowie der Aktionsforschung in Kooperation mit anderen Akteuren neue Objekte und neues Wissen generieren. Manche TA-Forscher würden vielleicht sogar meinen, dass die Teilnahme und Mitwirkung der TA an ?Experimenten? an Bedeutung zugenommen hat. TA erschöpft sich aber nicht in der Mitwirkung. Es bleibt die Aufgabe der TA, das so gewonnene Wissen als Forschungsergebnis in den öffentlichen politischen Diskurs einzuspeisen, das Verständnis sozio-technischer Zusammenhänge und Prozesse zu vertiefen und neue Optionen im politischen Raum aufzuzeigen. Insbesondere sollte TA sich darauf verstehen, ?funktional bzw. akteursspezifisch differenzierte Perspektiven und Präferenzen in solche mit allgemeinen Geltungsanspruch zu transformieren? (Gloede 2007, S. 45  ).

Nach diesen Hinweisen zur TA, kann jetzt die Frage wieder aufgegriffen werden, ob TA über den ?Experimentalismus? theoretisch verortet werden kann. In der Kurzzusammenfassung der Habilitationschrift heißt es: ?Meine Studie setzt sich mit den sozialtheoretischen Gewinnen des Konzepts des ?Experimentalismus? auseinander, dessen Ausgangspunkt im historischen Pragmatismus des US-amerikanischen Philosophen John Dewey verortet wird. Der Begriff des Experimentalismus erhebt die Verknüpfung von Erfahrung und operationalem Handeln zu einer erkenntnistheoretischen Grundthese, um gesellschaftliche Krisen und Transformationsprozesse zu erklären. Dewey hatte diese These insbesondere in seinen Werken über ?Die Öffentlichkeit und ihre Probleme? (1927), sowie ?Logik. Die Theorie der Forschung? (1938) entwickelt. Seit einiger Zeit wird eine erneute Renaissance des Pragmatismus konstatiert.?

Nach Meinung von Tanja Bogusz fehle bislang aber ?eine ausreichend theoretisierte Methodologie des pragmatischen Experimentalismus, die auch den Vorgang sozialwissenschaftlichen Forschens und Erklärens selbst einbezieht.? Und sie fährt fort: ?In Frankreich und im Anglo-Amerikanischen Raum bieten insbesondere die Methodologien der Science Studies hierfür wichtige Ansatzpunkte. Deweys Forschungstheorie soll soziologisiert werden [?]. Das Ergebnis führt zu einem systematischen Vorschlag eines sozialwissenschaftlichen Konzepts des Experimentalismus, der die Soziologie von einer Krisen- hin zu einer Erfahrungswissenschaft überführt? (Kurzzusammenfassung des Forschungsvorhabens - dort auf Forschung clicken).

Die doppelte Perspektive, die in der Habilschrift und in anderen Beiträgen der Autorin entwickelt wird, kann möglicherweise für ein adäquates Selbstverständnis der TA bzw. eine Theoretisierung der TA fruchtbar gemacht werden. Der ?demokratische Experimentalismus? erscheint geeignet, die theoretischen Grundlagen bereitzustellen, um die Dynamik von Innovations- und Transformationsprozessen zu verstehen, die unter dem Vorzeichen der Ungewissheit und der Korrekturbedürftigkeit stehen, die nicht automatisch vorangehen, die nicht linear verlaufen, deren ?Governance? selten top-down funktioniert und bei denen Leitbildern nicht blind gefolgt wird. Erfahrungen, positive wie negative, im Prozess führen zu Unterbrechungen, Rekursionen, Iterationen, Neukonfigurationen und inkrementellen Praktiken. Demokratien erlauben eine solche Dynamik. Pragmatismus und Neopragmatismus könnten folglich helfen, ein realistisches Bild der sozialen Dynamik bei komplexen Innovations- und Transformationsprozessen zu gewinnen und die Bedeutung einzelner Akteure in diesen Prozessen zu bestimmen.

Der ?soziologische Experimentalismus?, den Tanja Bogusz z.B. im transdisziplinären, methodologischen Experimentieren der STS und ANT am Werk sieht, läuft auf eine, wie sie es in einem Aufsatz nennt, ?kollaborative Transformationsforschung? (Bogusz/Reinhard 2017, S. 350) hinaus, bei der die Soziologie selbst ?zu einer experimentell handelnden und reflektierenden gesellschaftlichen Akteurin wird? (Bogusz/Reinhard 2017, S. 357). Und an anderer Stelle heißt es: ?Sozialforschung konsequent explorativ und öffentlicher als bisher zu prozessieren  [?], gibt berechtigten Anlass zur Hoffnung auf eine experimentellere, eine demokratischere, eine Risiko-bereitere ? kurzum: eine mutigere Erfahrungswissenschaft. (Bogusz 2013, S. 250). Es scheint mir nicht ganz vermessen auch die TA als öffentliche, kollaborative Transformationsforschung zu verstehen, die ebenso wie die Soziologie, die Bogusz propagiert, Engagement und Distanzierung (Nobert Elias) vereinbaren muss. Diese Rolle ist aber nicht an die Beteiligung an (Real)Experimenten (wie Smart Grid Feldversuche, FabLabs etc.) geknüpft, sondern findet auch im Rahmen partizipativer TA statt. Übrigens ist auch die ?klassische? TA über den vorausgesetzten Konnex zur öffentlichen Problemartikulation und die Beteiligung am öffentlichen Diskurs immer schon, seit den Zeiten des OTA (Office of Technology Assesssment der USA), "öffentliche TA" gewesen (vgl. die aktuellen Bemühungen um eine "öffentliche Soziologie").

Kurzum: Ob der Pragmatismus und seine Weiterentwicklungen sich als Theorie der TA eignen, kann ohne eingehendere Untersuchungen und Überlegungen nicht entschieden werden. Aber aus der kurzen Erörterung des ?pragmatistischen Experimentalismus? können vielleicht doch zwei Punkte für eine Theorie der TA festgehalten werden. Erstens, es ist wahrscheinlich, dass TA einer Demokratietheorie bedarf, die anerkennt, dass für Problemlösungen bzw. Problembewältigungen im Kontext sozio-technischen Wandels neben der Politik auch der Einbezug der Öffentlichkeit, der Wissenschaft und weiterer Akteure unabdingbar gehören, und dass zweitens die beteiligte Wissenschaft bzw. Forschung sich als an gesellschaftlichen Problemen orientiert in Stellung bringen muss, wobei die Bestimmung der spezifischen Aufgabe der TA im Kontext ?problemorientierter Forschung? (transdisziplinär, über academia hinaus) die zweite notwendige Theoretisierungsleistung wäre (vgl. zu dem Konzept der problemorientierten Forschung generell (ohne spezifischen TA-Bezug) die Arbeit von Bechmann/Frederichs 1996).

Die Habilschrift von Tanja Bogusz soll im Herbst 2018 im Campus-Verlag erscheinen. Die drei nachfolgend genannten Texte können als Einstieg in ihre Überlegungen empfohlen werden:

? Tanja Bogusz (2013): Experimentalismus statt Explanans? Zur Aktualität der pragmatistischen Forschungsphilosophie John Deweys. In: Zeitschrift für theoretische Soziologie 2/2013, Schwerpunkt: ?Soziologische Erklärungen und explanative Soziologie?, S. 239-252.

? Tanja Bogusz und Martin Reinhart (2017): Öffentliche Soziologie als experimentalistische Kollaboration. Zum Verhältnis von sozialwissenschaftlicher Theorie und Methode im Kontext disruptiven sozialen Wandels. In: Selke, Stefan und Annette Treibel (Hg.): Öffentliche Gesellschaftswissenschaften. Wiesbaden: Springer VS, 2017, S. 345-359.

? Tanja Bogusz (2017): Kritik, Engagement oder Experimentalismus? STS als pragmatistische Soziologie kritischer Öffentlichkeiten. In: Dietz, Hella, Frithjof Nungesser und Andreas Pettenkofer (Hg.): Pragmatismus und Theorie sozialer Praktiken. Sozialtheoretische Perspektiven. Frankfurt am Main & New York: Campus 2017, S. 283-300.

Experimentelle GesellschaftNoch ein wichtiger Hinweis auf eine verwandte Publikation zum Schluss: Fast zeitgleich mit der Habilitationsschrift ist als Band 19 in der von ITAS bei Nomos herausgegebenen Reihe ?Gesellschaft ? Technik ? Umwelt. Neue Folge? der von Stefan Böschen, Matthias Groß und Wolfgang Krohn editierte Sammelband Experimentelle Gesellschaft. Das Experiment als wissensgesellschaftliches Dispositiv erschienen (Inhaltsverzeichnis).

In diesem Band, der noch nicht im Neuerscheinungsdienst verzeichnet sein kann, da er bei der Deutschen Bibliothek noch in Bearbeitung ist (Stand 18.1.2018), der aber schon im Publikationspool des openTA-Portals enthalten ist, wird auch die große Bedeutung der Einsichten Deweys zum ?Experimentalismus? herausgestellt, dann aber mit dem Bezug auf den Dispositivbegriff Foucaults eine ganz andere Theoriewahl getroffen. Damit verbindet sich bei mir die Erwartung, dass in stärkerem Maße als bei Bogusz auf Machtverhältnisse in der ?experimentellen Gesellschaft? abgestellt wird. Es wird spannend sein zu sehen, was der Dispositivbegriff in diesem Zusammenhang wirklich leisten kann, und wie sich die gesellschaftstheoretisch anspruchsvollen Ansätze von Bogusz auf der einen Seite und von Böschen, Groß und Krohn auf der anderen Seite ins Verhältnis setzen lassen.

Für die Dezemberausgabe des NED wurden insgesamt 12 Buchtitel aus dem aktuellen Datenbestand der Deutschen Nationalbibliothek ausgewählt.

Um noch kurz auf Neuerscheinungen von NTA-Mitgliedern hinzuweisen: In dem Band Brigitte Aulenbacher, Michael Burawoy, Klaus Dörre, Johanna Sittel (Hg.): Öffentliche Soziologie: Wissenschaft im Dialog mit der Gesellschaft . Frankfurt: Campus 2017, findet sich ein Beitrag von Stefan Selke, der auch ganz gut zum Editorial dieser NED-Ausgabe passt: Doing Public Sociology: Das Dilemma öffentlicher Soziologie als öffentliche Nicht-Wissenschafft, S. 319ff.

In dem von Böschen, Groß und Krohn herausgegebenem Band sind aus dem Kreis des NTA mit Beiträgen vertreten: Böschen und Groß, Andreas Lösch und Christoph Schneider; Stephan Lingner, Stefan Selke sowie Jan Cornelius Schmidt.

Die vollständige Liste aller Titel aus dem openTA-Neuerscheinungsdienst Dezember 2017  liest sich wie folgt:

1. Auer, Florian (2017): Infrastrukturmanagement. Hamburg: DVV Media Group, Eurailpress, 978-3-87154-606-8, 261 Seiten.
2. Aulenbacher, Brigitte (Hg.) (2017): Öffentliche Soziologie. Wissenschaft im Dialog mit der Gesellschaft. Frankfurt: Campus Verlag, 3-593-50635-1, 378 Seiten.
3. Bertelsmann Stiftung (Hg.) (2017): Smart country - vernetzt, intelligent, digital. Reinhard Mohn Preis 2017. Gütersloh: Verlag Bertelsmann Stiftung, 3-86793-784-2, 96 Seiten.
4. Bogusz, Tanja (2016): Experimentalismus und Soziologie. Von der Krisen- zur Erfahrungswissenschaft. Jena, Habilitationsschrift, Friedrich-Schiller-Universität Jena, 2017, 419 Seiten.
5. Fischer, Hermann (2017): Chemiewende. Von der intelligenten Nutzung natürlicher Rohstoffe. München: Verlag Antje Kunstmann, 3-95614-173-3, 141 Seiten.
6. Gentner, Steffi (2016): From risk-based due diligence to risk-based transcultural management. Menschenrechte und politisches Risikomanagement transnationaler Unternehmen. Marburg: Metropolis-Verlag, 3-7316-1212-7, 402 Seiten.
7. Groth, Torsten (2017): 66 Gebote systemischen Denkens und Handelns in Management und Beratung. Heidelberg: Carl-Auer Verlag, Zweite, überarbeitete Auflage, 3-8497-0212-X, 176 Seiten.
8. Mayer, Katja (2017): Nachhaltigkeit: 111 Fragen und Antworten. Nachschlagewerk zur Umsetzung von CSR im Unternehmen. Wiesbaden: Springer Gabler, 978-3-658-17933-5, IX, 164 Seiten.
9. Schmayl, Winfried (2017): Streifzüge durch die Technikgeschichte. Münster: Münsterscher Verlag für Wissenschaft, Zweite, erweiterte Auflage, 978-3-96163-114-8, 299 Seiten.
10. Strunk, Sarah Ok Kyu (2017): Nachhaltigkeitsrating zur Bewertung der Zukunftsfähigkeit von Immobilien. Boston: De Gruyter Oldenbourg, 3-11-053282-4, xx, 252 Seiten.
11. Tegmark, Max (2017): Leben 3.0. Mensch sein im Zeitalter künstlicher Intelligenz. Berlin: Ullstein, 3-550-08145-6, 528 Seiten.
12. Vieweg, Wolfgang (2017): Nachhaltige Marktwirtschaft. Eine Erweiterung der Sozialen Marktwirtschaft. Wiesbaden: Springer Gabler, 3-658-16528-6, XXV, 242 Seiten.

Bild: John Dewey available from the United States Library of Congress under the digital ID cph.3a51565

Ulrich Riehm
Das Heft 1/2018 der TATuP ist zwischenzeitlich erschienen. Es hat den Schwerpunkt "Theorie der Technikfolgenabschätzung reloaded - Ten years after". http://www.tatup.de/index.php/tatup/issue/view/5 In der Rubrik Reflexionen gibt es einen "Theoriesplitter" von Knud Böhle zum "Pragmatischen Experimentalismus - Ein Ansatz für eine Theorie der TA", der seine Überlegungen im Editorial zum NED 12/2017 aufgreift. http://www.tatup.de/index.php/tatup/article/view/104/175
Verfasst am 31.03.2018 09:03
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