Stop, Look, Listen and Stay Tuned! Wie kann TA öffentliches Interesse an komplexen Themen wecken und erhalten?

Publikationsdatum: 27.07.14 16:46    Letzte Aktualisierung: 12.07.18 16:19

In meinem Vortrag im Rahmen der NTA6-TA14 hatte ich gefragt, wie TA öffentliches Interesse an komplexen Themen wecken und erhalten kann. TA und RRI, so hieß es im Call, zielen darauf ab, technische Innovationen an partizipativ entwickelten Leitvisionen einer gesellschaftlich wünschbaren Zukunft zu orientieren. Angesichts der Komplexität von TA-Themen ? z.B. aktuell die synthetische Biologie oder die Nanotechnologie ? ist kaum zu erwarten, dass es hierzu in der Öffentlichkeit Vorstellungen wünschbarer Zukünfte gibt. Bevor man sich mit solchen Themen beschäftigt, müsste man sich zunächst dafür interessieren. Daher steht zu fragen: Wie ist öffentliches Interesse an komplexen Themen zu wecken?

Diese Frage wird von der TA üblicherweise mit einem Griff in den Instrumentenkoffer beantwortet: Interesse an komplexen Themen zu wecken, wird als Element partizipativer Verfahren aufgefasst. Eine im Lichte dieser Frage erhellende Kritik hierzu hat Alexander Bogner (2012) mit dem Stichwort lab participation vorgelegt. Solche Verfahren, so der Kern dieser Analyse, würden nach strikt kontrollierten Bedingungen organisiert und seien so gegenüber öffentlich ausgetragenen Kontroversen abgeschlossen - was in ihnen geschieht, wird aus der Öffentlichkeit heraus- und in ein dem Labor ähnliches Setting hineingezogen. Über die an ihnen Beteiligten hinaus, vermögen diese Verfahren kaum öffentliches Interesse anzuregen.

Diese Kritik kann man zum Anlass nehmen, über Alternativen zum Wecken und Erhalten öffentlichen Interesses an komplexen Themen nachzudenken. Im Vortrag hatte ich hierzu die Praxis von ProPublica vorgestellt. ProPublica beschreibt sich selbst als ein ?non-profit newsroom that produces investigative journalism in the public interest.? Dabei geht ProPublica geradezu klassisch einer Funktion der Vierten Gewalt nach. Doch sie belässt es nicht bei bloßen Veröffentlichungen Empörung erregender Verstöße gegen das öffentliche Interesse, sondern nimmt neben der investigativen Recherche die Wahl des geeigneten Mediums für die richtige Zielgruppe zum richtigen Zeitpunkt genauso wichtig. ProPublica verschenkt etwa ihre Recherchen an ausgesuchte andere Medien, von denen angenommen wird, sie würden den Einfluss maximieren. Ist dies noch als eine besonders elaborierte Form einer modernen Vierten Gewalt aufzufassen, so ist doch nicht zu übersehen, dass Öffentlichkeit hier zwar eine notwendige Zwischenstufe auf dem Weg zur Zielerreichung darstellt, es sich aber nicht um eine Öffentlichkeitsbeteiligung im engeren Sinne handelt.

Öffentlichkeit nicht bloß als Vehikel zu nutzen, sondern herzustellen, öffentliches Interesse an komplexen Themen zu wecken und zu erhalten, steht aber ebenso auf der Agenda von ProPublica. Hierzu operiert sie mit unterschiedlichen Formaten für unterschiedliche Publika: Ein (ziemlich informativer) HipHop-Song zu Hydraulic FracturingFracking«), ein Comic und ein Broadway-Stück zu »collateralized debt obligations« (CDOs; forderungsbesicherte Schuldverschreibungen). Angenommen, solche Formate seien dazu in der Lage, Interesse an Themen dieser Art zu wecken: Gibt es aber überhaupt eine Möglichkeit, ebendies zu verstetigen? Kein mediales Kommunikationsangebot kann seine Rezeption kontrollieren. ProPublica versucht allerdings, über diese vergleichsweise niedrigschwelligen Angebote auf Weitergehendes zu »verlinken«. Ganz besonderes Augenmerk gilt dabei den Rubriken »Tools & Data« sowie »Get Involved« auf ihrer Homepage. Hier gibt es zahllose weitere Informations- und Beteiligungsmöglichkeiten. Bemerkenswert ist dabei, dass es etwa bei »Get Involved« zu allererst darum geht, sich zu informieren, zu lernen, um eine Haltung erst sukzessive entwickeln zu können. Selbstredend ist dies stets durch das gerahmt, was ProPublica als relevante Informationen erachtet. An »Tools & Data« mangelt es TA sicher nicht. Die praktischen Fragen lauten also:

  • Wie könnte es TA gelingen, auf ihr reichhaltiges Informations- und Partizipationsangebot aufmerksam zu machen?
  • Wie könnte eine entsprechende »Verlinkung« aussehen?
  • Welche »Verlinkungen« jenseits von Verfahren gibt es bereits?

Schaut man sich die Trefferliste bei YouTube zum Suchbegriff »Technikfolgenabschätzung« an, wird die Klickzahl diesbezüglich kaum Hoffnung machen.Bei vielen dieser Videos ist der Informationsgehalt hoch und gut aufbereitet. Was fehlt, ist m.E. eine Trennung der Funktionen von Aufmerksamkeitsgenerierung und Information. ProPublicas Lösung ist nicht unumstritten. Schon in der vereinfachenden Übersetzung komplexer Inhalte in Unterhaltungsformate kann man eine unzulässige Komplexitätsreduktion sehen. Unstrittig dürfte sein, dass auf diesem Wege prinzipiell mehr vormals Uninteressierte und Unbeteiligte zu erreichen sind als in einmalig abgehaltenen und begrenzten Verfahren.

Dabei ist TA ein mehr als geeigneter Initiator, auch und gerade im Vergleich zum Investigativ-Journalismus, bei dem es schließlich immer um das Aufdecken und Beheben von Fehlverhalten geht. TA hingegen setzt auf »Multiperspektivität«, erlaubt also eine Ergebnisoffenheit, die explizit die Richtung der Meinungsbildung einschließt. Die Frage an die TA-Community lautet also, ob sie die Trennung einer Aufmerksamkeits- von einer Informationsseite grundsätzlich überzeugt. Wer dies bejaht, könnte sich an einer Diskussion darüber beteiligen, wie das anzugehen wäre, was hier mit »Verlinkung« angesprochen worden ist: Aufmerksamkeit und Interesse an komplexen Themen zu wecken UND hierüber zu weiterem (TA-)Engagement anzuregen. Eines muss noch buchstäblich in Rechnung gestellt werden: ProPublica ist stiftungsfinanziert und muss sich - bis auf Weiteres - um ihre finanzielle Ausstattung keine Sorgen machen. Im Rahmen von »Get Involved« stehen mitunter namhafte Journalisten der New York Times oder des Guardian für Chats zur Verfügung, die Produktion eines Broadway-Stücks dürfte viele Budgets sprengen etc. Kurzum: Schon aus finanziellen Gründen könnte keine TA-Einrichtung diese Praxis einfach kopieren. Zudem mag man es für riskant halten, dass ein so entfachtes Engagement von den ursprünglichen Initiatoren nicht mehr zu kontrollieren und potentielle Erfolge kaum noch ihnen zuzurechnen sein könnten. Nichtsdestotrotz erscheint mir eine Diskussion darüber lohnenswert, wie TA öffentliches Interesse an komplexen Themen - zumindest ergänzend zu partizipativen Verfahren - anregen und erhalten kann.

Und nicht immer spielt Geld die entscheidende Rolle. Die Ideen zu einigen Songs und Videos waren das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit Studierenden der New York University. Über solche Verbindungen verfügt auch die überdisziplinäre TA. Schließlich verbleibt noch mit Blick auf den Publikationsort dieses Beitrags zu fragen: Könnte openTA auch eine Plattform zum Wecken und Erhalten von (öffentlichem) Interesse an komplexen Themen werden?
geschrieben von Marc Mölders | 50338 Aufrufe, 3 Kommentare adressatenorientierung nta nta6 öffentlichkeitsarbeit openta partizipative methoden wien
René König
Lieber Marc, danke für den Beitrag, der mir aus der Seele spricht. Ich empfinde es seit Jahren frustrierend, dass TA in öffentlichen Debatten kaum eine Rolle spielt, obwohl sie es m.E. nicht nur könnte, sondern sollte. Öffentlichkeitsarbeit wird häufig eher stiefmütterlich betrieben, während viel Fleiß und Geld in die Durchführung und Entwicklung partizipativer Verfahren gesteckt wird. Deren zumindest teilweise zweifelhaften Nutzen hat Alexander Bogner im verlinkten Artikel gut dargelegt. Es scheint mir eine Diskrepanz zwischen theoretisch-methodischen Ansprüchen und tatsächlicher Relevanz zu geben. Natürlich sind partizipative Verfahren theoretisch wie methodisch PR-Maßnahmen (darunter fasse ich jetzt mal die genannten Beispiele wie YouTube-Videos und Broadway-Shows) überlegen und aus dieser Sichtweise eher als (legitime) Instrumente der Partizipation geeignet. Wenn diese jedoch weitgehend wirkungslos verhallen, ist auch niemanden gedient. In diesem Zusammenhang sei übrigens nochmal betont, dass auch partizipative Verfahren nicht unbeträchtliche personelle und finanzielle Mittel in Anspruch nehmen, so dass dieses Kontra-Argument gegen PR-Maßnahmen für mich eher zu vernachlässigen ist. Persönlich würde ich es begrüßen, wenn TA sich stärker als Impulsgeber in öffentliche Debatten einbringe. Ein gut platzierter Artikel (oder von mir aus auch ein gut gemachtes Video) scheint mir da gewinnbringender zu sein als partizipative Verfahren, die leider meistens abseits der Lokalpresse wenig Aufmerksamkeit generieren. Wenn sie dies aber nicht leisten, hilft letztlich auch keine theoretisch-methodische Überlegenheit. Vordergründliches Ziel muss es doch sein, überhaupt auf Probleme aufmerksam zu machen und einen Diskurs zu initiieren bzw. aufrecht zu erhalten. Allerdings heiligt der Zweck natürlich auch nicht die Mittel und es bleibt ebenso zu diskutieren, wo die Grenze zu Populismus und Meinungsmache zu ziehen ist. Wie von dir aber richtig herausgestellt, ist so eine Diskussion in jedem Fall lohnend und überfällig.
Verfasst am 07.08.2014 13:26
Marc Mölders
Lieber Herr Riehm, lieber René, erst einmal freue ich mich, dass mein Beitrag Resonanz gefunden hat. Nun, für was ist ProPublica hier Fall ein Beispiel? Mein Argument oder mein Anstoß hat nach einem funktionalen Äquivalent gefragt. Hier liegt die Annahme zugrunde, dass TA durch Partizipationsverfahren (auch) öffentliches Interesse an komplexen Themen wecken möchte. Das scheint mir kaum bestreitbar. Und ich habe mich gefragt, was wäre eigentlich, wenn TA statt (oder komplementär zu) diesen Verfahren mit Praktiken arbeiten würde, wie ProPublica sie pflegt. Kernfunktionen von TA sind Wissenschaft und Politikberatung; selbstredend kann man beides ganz ohne ein Aufrütteln der Öffentlichkeit betreiben. Das scheint mir aber nicht gewollt zu sein. Und für beide Zwecke, insbesondere aber für die Politikberatung, erscheint es mir weitaus funktionaler, öffentliches Interesse etwa durch Formate der Populärkultur zu wecken (und durch entsprechende ?Verlinkungen? zu erhalten) als 20 mehr oder weniger zufällig ausgewählte Leute für ein Wochenende über ein Thema beraten zu lassen, für das sie sich davor und danach nicht wieder interessieren werden. Das kostet Geld, das aber tun pTA-Verfahren ebenfalls, hierin kann man René König nur zustimmen. Zudem wird noch die Frage nach einer möglichen (und doch ebenso offensichtlich gewollten) Funktion als ?Impulsgeber in öffentliche Debatten? aufgeworfen. Und hier sind (zeitlich wie sachlich) gut platzierte Artikel offenkundig Verfahren überlegen, die in der Lokalpresse gleich neben den Treffen der Kaninchenzüchter auftauchen. Populismus und Meinungsmache sollten hierbei keine Rolle spielen, auch hierzu kann ich nur Zustimmung signalisieren. Insofern wäre konkret danach zu fragen, wie TA Nachrichtenwerte bedienen könnte, ohne sich dabei selbst zu verleugnen. Sieht man sich nur die Feuilletons überregionaler Zeitungen an, so finden sich hierin insbesondere in jüngerer Zeit zahlreiche Beiträge zu TA-relevanten Themen. Es müsste dann darum gehen, worin das Besondere an der TA-Perspektive liegt, das im anderweitigen Diskurs unterbelichtet bleit. Und hierzu möchte ich nochmals auf das Stichwort der ?Multiperspektivität? hinweisen. TA vermag auf überraschende Perspektiven verweisen, gerade dort, wo ansonsten viel von Alternativlosigkeit die Rede ist. TA geht es, anders als dem Investigativ-Journalismus, nicht um Enthüllungen von Aspekten, die andere gern unverhüllt wüssten, sondern allenfalls um das Enthüllen von Sichtweisen, Perspektiven und/oder Argumenten, auf die man auf den ersten Blick eben nicht kommt. Kurzum: Wie gestaltet man Darstellungen von Perspektivenvielfalt so, dass sich andere damit beschäftigen?
Verfasst am 29.10.2014 11:01
Ulrich Riehm
Lieber Marc Mölders, lieber René, das von Marc Mölders aufgeführte Beispiel ProPublica finde ich höchst spannend. Aber für was? Für TA oder für eine moderne Form des investigativen Journalismus? Ich glaube eher für Letzteres. Soll oder muss sich TA wirklich die Aufgabe geben, die Öffentlichkeit aufzurütteln mit komplexen Themen? TA ist keine Pressure Group, keine NGO und keine Enthüllungsinstanz, sondern TA reagiert auf Themen, die in Gesellschaft und Politik in der einen oder anderen Form virulent sind, und versucht diese Themen mit wissenschaftlichen Mitteln und möglichst ?cool? aufzuarbeiten. TA braucht Distanz, Distanz zu den Interessengruppen, öffentlichen Meinungsbildern sowie den Parteiungen, die gerne Ergebnisse von TA für sich vereinnahmen. Ob es bei TA zu Formen der Bürgerbeteiligung kommt oder kommen sollte, hängt von den jeweiligen Fragestellungen und Bedingungen ab. Partizipative Ansätze sehe ich aber nicht als Form der Öffentlichkeitsarbeit, sondern als eine Möglichkeit der Informationsgenerierung und der Artikulation von Interessen. Das gelingt manchmal besser, manchmal schlechter, ist ein lang diskutiertes Thema und irgendwie ein andere Baustelle.
Verfasst am 12.08.2014 13:22
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