Urlaub schützt vor Enhancement!

Publikationsdatum: 28.08.18 14:43    Letzte Aktualisierung: 25.09.18 11:03

Editorial zum Neuerscheinungsdienst „ÜBERDENTAELLERRAND (NED) Juli 2018

Bei der Durchsicht der für Juli 2018 eingetroffenen Neuerscheinungen fielen mir gleich mehrere Themengebiete auf, die ich zum Hochsommer nicht nur saisonal passend gefunden hätte, sondern deren zugehörige Publikationen auch für die TA-Szene einen instruktiv Eindruck machen. Da ist etwa das Thema Klima- und Energiewende: „Es ist Sommer, schon wieder ein sehr heißer … ob das Vorboten sind, diese Hitzewellen?“; oder da ist das Thema Verkehr und Mobilität: in ihren Urlaub flüchtende Erwerbstätige, die auf gefüllten Autobahnen und Bundesstraßen mit brennstoffbetriebenen (nicht: brennstoffzellenbetriebenen!) Vehikeln  auf den Hauptverkehrsachsen in Scharen unterwegs sind. Oder das Thema der allerorts beobachtbare Erosion der Grenzen von Arbeit und Freizeit und die damit einhergehenden sozialen und psychischen oder physischen Folgen, wenn die „Balance“ zwischen beiden nicht mehr stimmt. Die Stichworte „Energie“, „Klima“, „Verkehr“ oder „Mobilität“ sind freilich leicht in den Titeln der Juli-Bibliografie unten zu finden. – Wo allerdings geht es bitteschön um die berühmte „work-life balance“? Ja, es geht in keiner der Neuerscheinungen um Arbeits- und Gesundheitsschutzes oder der allgemeinen Vorsorge gegen Überarbeitung.

Aber es geht um Leistungsdruck. Und um die verführerischen Angebote, der eigenen Fitness und dem eigenen Output Freizeit und Arbeit mit „modernen Mittelchen und Mitteln“ nachzuhelfen. Dabei sind nicht „gewöhnliche“ oder „gewohnte“ Substanzen wie Koffein Thema oder schlicht ausreichend Schlaf, regelmäßige Bewegung und Sport, die für „Ausgleich“ sorgen und die Fitness erhalten und steigern können (wie es bspw. die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V., DHS, in ihrem Positionspapier zum Hirndoping empfiehlt). Vielmehr ist es das verheißungsvolle Aufputschen mittels Psychopharmaka und anderen Mitteln der „Neurostimulation“, was die Dissertation von Michelle Lachenmeier genauer unter die Lupe nimmt. Ihr Buch „Sozialer Druck im Kontext von Enhancement“, das in der Reihe „Basler Studien zur Rechtswissenschaft“ beim Helbing Lichtenhahn Verlag erschienen ist, behandelt „Autonomie und Freiwilligkeit bei der Anwendung von pharmakologischen, neurotechnologischen und gentechnischen Massnahmen zur Steigerung der Leistungsfähigkeit des Individuums“, so der Untertitel des Buches.

Auf der Verlagswebseite erfährt man noch ein wenig mehr über die juristische Studie von Michelle Lachenmaier: „Ausgehend von einem normativen Zwangsverständnis untersucht die Arbeit, inwiefern von kollektiven Drucksituationen überhaupt ein rechtlich relevanter und somit freiwilligkeitsvermindernder Zwang ausgehen kann.“ Die Autorin, so der Verlag, „zeigt auf, dass die Zulässigkeit von wirksamen, sicheren und erschwinglichen Methoden keinen ausreichenden Schutz der Autonomie bietet, wenn das Individuum mit der Ablehnung von Enhancement soziale Nachteile in Kauf nehmen muss.“

Der Blick in das Inhaltsverzeichnis zeigt weiter, dass die Veröffentlichung der Juristin neun Kapitel hat, die sich nach der Einleitung (Kapitel 1) zunächst mit den Grundlagen zu Human Enhancement (Kapitel 2) und mit der ethischen Debatte um Enhancement befassen. Für die sozialphilosophisch und diskurstheoretisch interessierte Leserschaft wirkt besonders das vierte Kapitel aufschlussreich, das sich mit dem „sozialen Druckargument in der bioethischen und biopolitischen Diskussion“ beschäftigt. In Kapitel 5 referiert und diskutiert die Autorin Autonomie- und Freiwilligkeitskonzepte, um dann in Kapitel 6 auf den „Schutz vor unfreiwilligem Enhancement“ zu sprechen zu kommen.

Mit Kapitel 7 zur „Herleitung der sozialen Zwangswirkung“ und Kapitel 8 über „Folgen der sozialen Zwangswirkung“ erreicht man, so mein Eindruck, den argumentativen Kern der Arbeit, der mit Formulierungen „Sozialer Druck als Einwilligungsdefizit“ und „Verbotslegitimation von Enhancement gestützt auf den sozialen Druck“ vorbereitet, was beim Blick ins Inhaltsverzeichnis noch vor der Schlussbetrachtung in Kapitel 9 deutlich Konturen gewinnt: Lachenmeier scheint keine juristische Vertreterin eines Rechts auf Enhancement zu sein, keine guten Gründe für ein solches Recht ausfindig gemacht zu haben: ihre Frage nach der „Unbeachtlichkeit eines Rechts auf Enhancement?“, ihre Diskussion paternalismuskritischer Positionen, die sich gegen ein autonomieorientiertes Verbot von Enhancement wenden, und einige Seiten, die sich mit der Reichweite des sozialen Druckarguments befassen, legen den Schluss nahe, dass die Autorin in der Freiwilligkeitsminderung durch sozialen Druck einen wirklichen (normativen) Zwang erkennt, der ein Ausbleiben eines rechtlichen Verbots der Selbstoptimierung mit den genannten Mitteln als letztlich fahrlässig erscheinen lässt.

Für die TA-Community ist eine solche Auseinandersetzung mit der Leistungssteigerungsgesellschaft (C. Coenen) vielleicht nicht gänzlich neu. Aber juristische Arbeiten wie die von Michelle Lachenmeier zeigen einmal mehr, dass starke (libertäre) Autonomieunterstellungen im Bereich der Technikfolgenabschätzung wenig angebracht sind, jedenfalls (fast) immer dann, wenn die Rede auf soziotechnische Transformationen kommt. Und sie zeigt, dass in puncto „Normativität“ nicht zuletzt die Rechtswissenschaft wertvolle Beiträge liefert.

Für die TA-Community im Hochsommer kann Lachenmaiers Thema vielleicht zudem auch persönlich nutzen, denn man möchte sagen: Machen Sie Urlaub! Und freuen Sie sich auf Ihre Freunde, Kollegen und Vorgesetzte – danach wieder. Die Distanz zum hochtourigen Treiben fördert gewiss die individuelle Resilienz gegen die Verlockungen „neuer technischer Möglichkeiten“ und den Druck, permanent die eigene Arbeitsleistung weiter zu steigern. Zwei weitere gute Gründe, um Urlaub zu machen, oder?

Für die Juli-Ausgabe des NED wurden insgesamt 16 Buchtitel ausgewählt. Zugrunde lagen 143 Bücher, die durch einen automatisierten thematischen Suchlauf aus dem aktuellen Datenbestand der Deutschen Nationalbibliothek gefiltert wurden. Darunter war ein Titel von einem NTA-Mitglied: Sophie Kuppler (KIT-ITAS) hat ihre Dissertation unter dem Titel „Effekte deliberativer Ereignisse in der Endlagerpolitik. Deutschland und die Schweiz im Vergleich von 2001 bis 2010“ bei Springer VS veröffentlicht.

Die bibliografischen Angaben der insgesamt 16 NED-Titel lauten im Einzelnen:

1. Allbach, Benjamin (2017): Klimabarrierefreiheit. Eine neue Form des Klimamonitorings. Kaiserslautern, IV, 340 Seiten.

2. Babovsky, Carolin (2017): Physikalische Modellierung und Simulation der Zuverlässigkeit von Brennstoffzellen-Antriebssystemen. Ulm, XIV, 172 Seiten.

3. Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (Hg.) (2017): So schmeckt's in Zukunft - Trends und Innovationen in der Lebensmittelindustrie. Berlin: BVE, Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie, 31 Seiten.

4. Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (Hg.) (2017): Standpunkte der deutschen Ernährungsindustrie zu den globalen und nationalen Zielen für eine nachhaltige Entwicklung. Berlin: BVE, Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie, 34 Seiten.

5. Gründinger, Wolfgang (2017): Drivers of energy transition. How interest groups influenced energy politics in Germany. Wiesbaden: Springer VS, 978-3-658-17690-7, 667 Seiten.

6. Haas, Tobias (2017): Die politische Ökonomie der Energiewende. Deutschland und Spanien im Kontext multipler Krisendynamiken in Europa. Wiesbaden: Springer VS, 978-3-658-17318-0, 357 Seiten.

7. Heidbrink, Ludger; Langbehn, Claus (Hg.) (2017): Handbuch Verantwortung. Wiesbaden: Springer VS, 978-3-658-06109-8, xv, 972 Seiten.

8. Ionesco, Dina (2017): Atlas der Umweltmigration. München: oekom, Deutsche Erstausgabe, 978-3-86581-837-9, 169 Seiten.

9. Korn, Michael (2017): RIVA. Risikoanalyse wichtiger Verkehrsachsen des Bundesfernstraßennetzes im Kontext des Klimawandels. Bremen: Fachverlag NW in der Carl Schünemann Verlag GmbH, 978-3-95606-312-1, 131 Seiten.

10. Kruse, Nicole (2017): Klimawandel und Sturmfluten. Ein Vergleich der mentalen Modelle und Risikobewertungen zwischen Experten und Bürgern der Stadt Hamburg. Hamburg: Geografische Gesellschaft in Hamburg, 978-3-515-11949-8, XII, 202 Seiten.

11. Kuppler, Sophie (2017): Effekte deliberativer Ereignisse in der Endlagerpolitik. Deutschland und die Schweiz im Vergleich von 2001 bis 2010. Wiesbaden: Springer VS, 978-3-658-18359-2, 338 Seiten.

12. Lachenmeier, Michelle (2017): Sozialer Druck im Kontext von Human Enhancement. Autonomie und Freiwilligkeit bei der Anwendung von pharmakologischen, neurotechnologischen und gentechnischen Massnahmen zur Steigerung der Leistungsfähigkeit des Individuums. Basel: Helbing Lichtenhahn Verlag, 978-3-7190-4038-3, XV, 415 Seiten.

13. Ueberschaar, Maximilian (2017): Assessing recycling strategies for critical raw materials in waste electrical amd electronic equipment. Clausthal-Zellerfeld: Papierflieger GmbH, 1. Auflage, 978-3-86948-582-9, LIV, 105 Seiten.

14. Welzer, Harald (Hg.) (2017): Die nachhaltige Republik. Umrisse einer anderen Moderne. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch, Originalausgabe, 978-3-596-29905-8, 158 Seiten.

15. Wenninger, Andreas (Hg.) (2017): Social Media und digitale Wissenschaftskommunikation. Analyse und Empfehlungen zum Umgang mit Chancen und Risiken in der Demokratie. Mainz: Union der deutschen Akademien der Wissenschaften e. V, 1. Auflage, 978-3-8047-3631-3, 72 Seiten.

16. Wulfhorst, Gebhard; Klug, Stefan (Hg.) (2016): Sustainable mobility in metropolitan regions. Insights from interdisciplinary research for practice application. Wiesbaden: Springer VS, 978-3-658-14427-2, XII, 224 Seiten.

geschrieben von Dirk Hommrich | 461 Aufrufe, 0 Kommentare klimawandel ned ned recht enhancement brennstoffzelle
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