Zukunftsbewältigungskompetenzen

Publikationsdatum: 11.05.16 15:00    Letzte Aktualisierung: 12.07.18 16:19

Editorial zum Online-Neuerscheinungsdienst "ÜBERDENTAELLERRAND" (NED) April 2016

Was vage nach einem Titel von Odo Marquard klingen mag, ist ein aus der Not entstandener Dachbegriff für fünf recht unterschiedliche Publikationen: eine Studie zu den Rebound-Effekten, ein Jahrbuch Technikphilosophie, das über neue technische Tricks beim Überleben und Töten reflektiert, eine literatur- und medienwissenschaftliche Studie über die Telegraphie im Werk von Fontane sowie eine betriebswirtschaftliche Dissertation aus Münster zum vermeidbaren Scheitern von Großprojekten wie DESERTEC und eine weitere Dissertation, ebenfalls aus Münster, in der eine Methodik zur Antizipation industrieller Konvergenz vorgestellt wird.

? Den ?Reboundeffekt? scheint jeder zu kennen, vielleicht wurde er aber trotzdem bislang noch nicht ausreichend theoretisch durchdrungen. Die an der Universität Kassel eingereichte, und nun im Metropolis Verlag veröffentlichte Dissertationsschrift von Tilman Santarius ? Der Rebound-Effekt. Ökonomische, psychische und soziale Herausforderungen für die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch ?, geht dem nach. Im Zentrum steht selbstverständlich auch hier die Frage, warum trotz steigender Energieeffizienz der Energieverbrauch nicht sinkt, sondern expandiert. Das Besondere an der Arbeit, für die Santarius mit dem  Christiane Busch-Lüty Förderpreis der Vereinigung für Ökologische Ökonomie e.V. ausgezeichnet wurde, ist offenkundig die nicht nur ökonomische, sondern auch soziale und psychologische Begründung des Reboundeffekts. Das Buch ist von Maike Gossen in Ökologisches Wirtschaften, Heft 1, 2016, S. 55, bereits ausführlich besprochen worden. In der Besprechung, die der Verlag auszugsweise wiedergibt, heißt es unter anderem:  ?Das Buch von Tilman Santarius stellt eine große Bereicherung für den Wissenschaftsdiskurs zu Rebound-Effekten dar. Es enthält nicht nur eine systematische Darstellung bestehenden ökonomischen Wissens, sondern identifiziert und beschreibt darüber hinaus völlig neue Rebound-Typen und das unter Berücksichtigung komplexer individueller und struktureller Einflussfaktoren. Ferner werden die einzelnen Rebound-Typen nicht losgelöst voneinander betrachtet, sondern untereinander in Bezug gesetzt, um Wechselwirkungen offenzulegen? (siehe Textauszug). /// Inhaltsverzeichnis http://d-nb.info/1077513550/04

? Das Jahrbuch Technikphilosophie 2016, herausgegeben von Gerhard Gamm, Petra Gehring, Christoph Hubig, Andreas Kaminski und Alfred Nordmann, ist in seinem Schwerpunkt dem Thema ?Technik, List und Tod? gewidmet. Unterschiedlichste Zugänge zu List und Technik werden geboten, und das schließt Kriegstechniken und Kriegslisten ein. Kai Denker etwa behandelt ?die List im Drohnenkrieg? und Sandro Gaycken kommentiert die militärische Dimension der List. Nah an anderen aktuellen TA-Themen sind die Beiträge von Thomas Zoglauer ?Wie Robotik, Neuroprothetik und Cyborg-Technologien unser Verständnis von Handlung und Verantwortung verändern? und von Lara Huber ?Big Data, Big Promises, Big Science. Ein Statusbericht?. Das Inhaltsverzeichnis verschafft Interessierten den nötigen Überblick über dieses vielfältig facettierte Jahrbuch: //// http://d-nb.info/1070546704/04

Thomas_Fontane_TelegraphieChristian Thomas, Koordinator der German Language Studies an der kanadischen Acadia University, verdanken wir die Studie Theodor Fontane: Autonomie und Telegraphie in den Gesellschaftsromanen. Nach allem, was man über das Buch über books.google.de einsehen kann, und das sind viele Textseiten, ist es äußerst sorgfältig und in umfänglicher Kenntnis der deutschen Arbeiten an den Schnittstellen von Literatur/Technik und Literatur/Medien (Kittler, Hörisch, Dotzler etc.) sowie der Literatur zu Technik bei Fontane geschrieben worden.

Spätestens mit dem Ende des neunzehnten Jahrhundert droht, so nehmen es auch schon viele Zeitgenossen wahr, das "Subjekt" von der Medientechnik und ihren Kommunikationsformen manipuliert und aufgesogen zu werden. Fontane gelingt es offenbar, die vage Drohung als reales Konfliktgeschehen auszuarbeiten: ?Angesichts dieser Lage registriert der späte Fontane nicht lediglich die medialen Errungenschaften seiner Epoche, sondern thematisiert in seiner literarischen Gestaltung eines Autonomiekonflikts sowohl Bedrohung als auch Bedeutung und Potentiale der in die technische Kommunikation eingebundenen Subjekte. Fontanes dabei speziell auf die Telegraphie gerichtete Aufmerksamkeit wird angesichts der ?revolutionären? und weitreichenden Auswirkungen dieser Technik verständlich? (vgl. Verlagsangabe ). In Der Stechlin kommt das Thema vermehrt auch in den Konversationen der Protagonisten zur Sprache, ist aber auch in früheren Werken schon gegenwärtig.

Es ist schon interessant, dass lange bevor es Medienwissenschaften oder Technikfolgenabschätzung gab, die Literatur ein Ort war, um die Folgen neuer Technologien zu bedenken. Die Thematik selbst könnte angesichts des Internets kaum aktueller sein. /// Inhaltsverzeichnis http://d-nb.info/1078860149/04

 

Betriebswirtschaftliche Arbeiten als TA-relevant einzuschätzen, kommt nicht häufig vor. Für die zwei noch kurz anzuzeigenden Münsteraner Dissertationen trifft das indes zu.

? Von Philipp Gausling stammt die Arbeit Bewertung und Management von Risiken internationaler Großprojekte: eine Untersuchung des Einflusses der Partitionierung auf die Risikosituation internationaler Großprojekte am Beispiel der Fallstudie DESERTEC. Ausgangspunkt sind die immer wieder gravierenden Defizite beim Management von Großprojekten. Das Scheitern von Großprojekten, das soll am Beispiel des internationalen Großprojekts DESERTEC gezeigt werden, ließe sich vermeiden, wenn man anders heranginge. Wie dieses andere Herangehen aussehen könnte, wird im Klappentext angedeutet: die Erfassung von Risiken in Businessplänen könnte die Entscheidungssituation für die Projektbeteiligten grundsätzlich verbessern. Weiter könnte über die Integration interessensspezifischer Zielgrößen in Businessplänen eine simultane Bewertung aus Sicht der Eigenkapitalgeber, der Fremdkapitalgeber und aus staatlicher Perspektive möglich werden. Schließlich erscheint Partitionierung internationaler Großprojekte als weiteres Mittel, die Risikosituation internationaler Großprojekte zu verbessern und auf diese Weise das Risikomanagement zu erleichtern (vgl. Verlagsangaben http://www.verlagdrkovac.de/978-3-8300-8965-0.htm). /// Inhaltsverzeichnis http://d-nb.info/1081732725/04

? Chie Hoon Song hat seiner Dissertation den Titel Früherkennung von konvergierenden Technologien: ein neuer Ansatz zur Identifikation attraktiver Innovationsfelder gegeben. Betriebswirtschaftlich gedacht, soll das frühzeitige Antizipieren konvergierender Industrien innovierenden Unternehmen die Einflussnahme auf die in der Industriekonvergenz neu entstehende Wertschöpfungskette gestatten und insbesondere die Bestimmung des eigenen Platzes innerhalb dieser Kette. Zu den Beispielen, die Song genauer unter die Lupe nimmt, gehören die Konvergenzfelder "Elektromobilität" und ?Wearables" sowie das Innovationsfeld ?Nano und Chemie?. Weil Einsichten in die Dynamik von Branchen zu gewinnen, zu den Grundaufgaben von TA gehört, dürfte sich der Blick auf diese Arbeit lohnen. /// Inhaltsverzeichnis http://d-nb.info/1078743428/04

 

 

geschrieben von Knud Böhle | 15134 Aufrufe, 0 Kommentare antizipation big data branchen desertec drohnen reboundeffekt telegraphie
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